Der Kunstfälschungsskandal um die angebliche Sammlung Werner Jägers hat im Herbst den internationalen Kunsthandel erschüttert. Und ein Beben ausgelöst, das sich immer noch fortpflanzt: Der Künstler Wolfgang B.-F. ist nach Ansicht der Ermittlungsbehörden einer der Urheber von Dutzenden Expressionismus-Fälschungen, seine Gattin und ihre Schwester vermittelten demnach die Fälschungen in den Kunsthandel. Die Meisterwerke stammten, so behaupteten sie, aus der Sammlung ihres Großvaters Werner Jägers (ZEIT Nr. 37/01).

Inzwischen wird gegen sieben Verdächtige ermittelt – unter ihnen ein deutscher Museumsdirektor. Drei der Verdächtigen sitzen nach wie vor in Untersuchungshaft. Die bisherigen Ermittlungen lassen bereits erkennen, dass weitere Beben folgen werden und dass es zwei Epizentren gibt. Das eine liegt in Frankreich; dort hatten die mutmaßlichen Fälscher einen ihrer Wohnsitze, von dort kam mindestens ein Dutzend Werke über verschiedene prominente Pariser Galerien in Umlauf. Das zweite Epizentrum befindet sich in Deutschland. Die mutmaßlichen Täter stammen aus der Nähe von Köln, hier schrieben Kunsthistoriker die Expertisen für jene Werke, von denen inzwischen einige nach naturwissenschaftlichen Untersuchungen zweifelsfrei als Fälschungen überführt wurden.

Und hier sitzt ein Auktionshaus, das den Ermittlungen zufolge mit der mutmaßlichen Fälscherfamilie durch eine lange Geschäftsbeziehung verbunden ist – als Käufer von Beuys- und Lehmbruck-Werken wie als Einlieferer jener Gemälde, die nun im Mittelpunkt des Skandals um die angebliche "Sammlung Jägers" stehen – ein Auktionshaus, das diese Familie noch verteidigte, als längst starke Indizien für den mutmaßlichen Betrug vorlagen.

Möglich wurde der Fälschungsskandal Jägers vor allem durch die hohe kriminelle Energie, mit der die Verdächtigen den Ermittlungen zufolge handelten, aber auch weil manche Kunsthändler, Auktionatoren und Gutachter es im aufgeheizten Kunstmarkt nicht ganz so genau nahmen mit ihrer Sorgfaltspflicht. Jedes der inzwischen fast siebzig als Fälschung verdächtigten Bilder erzählt eine eigene Geschichte des Versagens. Und manche auch von dem Versuch, den Fälschungsskandal zu vertuschen.

Das scheint vor allem beim angeblich 1908 von Max Pechstein gemalten Ölbild Seine-Brücke mit Frachtkähnen der Fall zu sein. Die Schwestern Helene B. und Jeanette S. hatten es, wie zuvor schon andere Kunstwerke, beim Auktionshaus Lempertz in Köln eingeliefert, am 31. Mai 2001 sollte es dort mit einem Schätzpreis von 400.000 Mark versteigert werden. Das Auktionshaus hatte sich nach eigenen Angaben zuvor die Echtheit des der Fachwelt unbekannten Gemäldes nicht schriftlich, sondern nur mündlich vom Sohn des Malers, Max K. Pechstein, bestätigen lassen. Außerdem, so Lempertz in einer Pressemitteilung, sei das Gemälde "auf der großen Retrospektive ausgestellt" gewesen, die ab 2001 in Berlin, Schleswig, Wuppertal und Bietigheim zu sehen war: "Es ist im Katalog ganzseitig abgebildet. Im Rahmen der Vorbesichtigung der Ausstellung kam es bei der Hängung zu einer nochmaligen genauen Begutachtung durch Herrn Pechstein, zusammen mit einem Experten von Lempertz."

Der allerdings scheint ein schlechtes Gedächtnis zu haben. Der Malerenkel Alexander Pechstein, der den Pechstein-Nachlass verwaltet, entlarvt diese Behauptungen nämlich als falsch. Er stellt zu der Seine-Brücke und einem ebenfalls bei Lempertz versteigerten zweiten angeblichen Jägers-Pechstein-Bild fest: "Max K. Pechstein hat dem Kunsthaus Lempertz zu keinem Zeitpunkt eine verbindlich die Echtheit bestätigende Expertise zu diesen Werken erteilt." Und das Bild habe weder in Berlin noch in Schleswig gehangen: "Es ist auch nicht im Katalog des Brücke-Museums zur Pechstein-Retrospektive abgebildet." Max K. Pechstein habe "das Gemälde zu keinem Zeitpunkt einer ›genauen Begutachtung‹ unterzogen." Das Wort Lüge verwendet Pechstein nicht. Seine Angaben bestätigt die Direktorin des Brücke-Museums, Magdalena M. Moeller. Lempertz spricht inzwischen von einem "Irrtum".

Als sich bei der Auktion 2001 für das unbekannte Bild kein Käufer fand, wurde es, so die offizielle Angabe des Kunsthauses Lempertz, an eine Privatsammlung in Südamerika verkauft. Deshalb, erfuhr der Kunsthistoriker Ralph Jentsch, der die Jägers-Affäre im Frühjahr 2010 ins Rollen gebracht hatte, bei einem Besuch in Köln am 23. März 2010, könne er das Bild auch leider nicht ansehen: Es befinde sich bei einem Sammler in Montevideo, der "schwierig" sei, und es wäre "nicht einfach, eine Ausfuhrgenehmigung zu erhalten". Von Jentsch zur gleichen Zeit auf die sonderbaren Aufkleber an der Rückseite vieler Gemälde angesprochen, befasste sich auch die Pechstein-Expertin Aya Soika eingehend mit der Seine-Brücke. Auch sie bat Henrik Hanstein, den Inhaber des Auktionshauses Lempertz, das Bild in Augenschein nehmen zu dürfen. Auch sie erhielt im April und Mai die Antwort, das Gemälde befinde sich in Südamerika. Der Eigentümer sei mit einer Überprüfung einverstanden, habe aber noch keine Ausfuhrgenehmigung und knüpfe den Transport des Bildes nach Deutschland an weitere Bedingungen.