Anna B. sitzt im Gotthardloch, vor sich eine Tasse Kaffee, der längst kalt ist, Annely wartet auf eine Kollegin, der Kaffee ist zwar kalt, aber wenn die Kollegin dann kommt, hat Annely noch etwas zu trinken, denn Geld für einen zweiten Kaffee hat sie nicht, 19. November 1950, es ist Nachmittag, vielleicht drei Uhr.

Und die Serviertochter bringt einen zweiten Kaffee.

Annely erschrickt.

Von dem Herrn dort drüben, sagt die Serviertochter.

Annely dreht sich zum Tisch an der Wand, sie sieht zwei Männer und denkt, hoffentlich nicht vom Kleinen.

Sie lächelt und nickt.

Wenn Sie sich zu uns setzen, Fräulein, sind Sie weniger allein, sagt der Große.

Annely setzt sich an den Tisch der Fremden, er heiße Alois, sagt der Große, und Annely möchte lachen, schon wieder so ein Alois.

Sie sei Köchin in der Villa Toscana, Obergrundstraße 101, sagt Annely, aber eigentlich sei sie von Hägglingen im Aargau, seit zwei Wochen erst hier in Luzern.

Hägglingen?, fragt der Kleine.

Und ich bin Laufbursche für alles bei der Weber AG in Emmenbrücke, Elektrotechnik, sagt Alois.

Die grünen Augen, die der hat. So viele Haare. Aber ansonsten: ganz nett.

Alois bringt Annely durch den Nebel zur Villa Toscana, wir könnten ja vielleicht, sagt er, irgendwann ins Kino gehen.

Könnten wir, sagt Annely.

Wie alt bist du eigentlich?

Zwanzig.

Genau wie ich, sagt Alois.

Er wohne draußen in Littau, noch bei den Eltern.

Meine erste Schulreise habe ich in der sechsten Klasse gemacht, nach Luzern und dann aufs Rütli, redet Annely, alle Schulreisen zuvor kosteten zwei Franken, zu teuer für uns. Und am Abend nach meiner ersten Reise sagte ich zur Mutter: Noch nie habe ich etwas Schöneres gesehen als diese Stadt Luzern. Dort will ich einst leben.

Deswegen bist du hier?, fragt Alois.

Annely steigt hinauf in ihre Kammer unter dem Dach und muss lachen, schon wieder so ein Alois, zwei Aloise hat Annely schon geküsst, flüchtig zwar und aus Neugier, den Nachbarsknecht in Hägglingen, einen Arbeiter bei der Bahn.

Tage später verlassen Annely B. und Alois E. das Kino, sie gehen durch die Stadt, sie reden, sie schweigen, berühren sich nicht, Alois, plötzlich und schnell, drückt seine Lippen auf ihre und rennt davon.

Annelys Herrschaft schickt ihre Köchin, weil sie nur kocht, was man in Hägglingen kocht, zur Lehre ins Hotel Montana, Annely lernt, wie man Spargel schält und Kaviar auftischt, Rehrücken, Lachs.

Nachts sitzt Annely unter dem Dach, eine Nadel in der Hand, einen Faden, und stickt die Initialen ihres Namens, A und B, in weiße Bettwäsche, die Aussteuer für ein Leben zu zweit.

Eigentlich ist dieser Alois mehr als nett.

Sogar sympathisch.

Mehr als das.

Annely wagt es nicht, Alois in ihr Zimmer einzuladen, Alois wagt es nicht, Annely mit nach Hause zu nehmen. Wieder gehen sie ins Kino und streunen durch kalte Straßen, Annely zieht sein Gesicht vor ihres und drängt Alois die Zunge in den Mund, Alois, hat Annely das Gefühl, weiß nicht, wie ihm geschieht.

Ich liebe dich.

Ich dich auch.

An Weihnachten 1950 reist Annely nach Hägglingen, im Zug, dann im Bus, dann zu Fuß, eine Tagesreise, der Vater ist Schlosser bei Brown Boveri in Baden und fährt jeden Morgen auf dem Rad zur Arbeit, eine gute Stunde weit, abends zurück, anderthalb Stunden. Als Annely gesteht, sie habe einen Bekannten, einen Schatz, fragt er: Was kann der?