"Ich liebe den Schnee," sagt der Mann, der den chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo wie kaum ein anderer kennt. Es stört ihn nicht, dass die Flocken sein langes Haar und den wallenden schwarzen Mantel weiß färben. "Es ist wie früher in Peking."

Seit zehn Jahren lebt Bei Ling im westlichen Exil, die meiste Zeit in Taiwan, wo es niemals schneit. Mit Liu Xiaobo, der Leitfigur der chinesischen Demokratiebewegung, hat er über zwanzig Jahre lang eng zusammengearbeitet. Jetzt hat er eine Biografie über seinen Freund geschrieben – über den Mann, der der chinesischen Führung den größten Imageschaden seit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens beschert hat.

Es ist die erste Biografie über Liu Xiaobo, der nicht nur wegen des Nobelpreises in eine Reihe mit Andrej Sacharow, Nelson Mandela oder Lech Wałęsa gestellt werden kann. Liu Xiaobo ist derzeit der berühmteste Dissident der Welt, und er hat mit seinem gewaltfreien Widerstand die selbstbewussten Machthaber in Peking das Fürchten gelehrt.

Der Dissident und sein Biograf haben sich 1987 in Peking kennengelernt. Der eine, Liu Xiaobo, schrieb damals seine Doktorarbeit in Literaturwissenschaft, der andere, Bei Ling, war ein junger Untergrundpoet. "Er ist ein manischer Held, der den ganzen Tag mit der Zigarette im Mund im Zimmer auf und ab geht", charakterisiert Bei Ling das damalige Auftreten seines Freundes. Es sei anstrengend mit ihm gewesen, weil er ihn kaum habe zu Wort kommen lassen. In kleinem Kreis habe er gestottert, doch auf der Bühne und bei großen Anlässen sei das Stottern plötzlich verflogen.

Mit einem Stipendium gelangten beide wenig später ins Ausland. Eine Zeit lang wohnten sie zusammen in New York. Als sie dort die Fernsehberichte über die Studentenbewegung in China sahen, entschloss sich Liu Xiaobo, zurück nach Peking zu gehen. "Wir können jetzt nicht in New York sitzen bleiben, haben wir nicht unser ganzes Leben auf einen solchen Augenblick gewartet?" Kurz darauf spielte der Professor eine Schlüsselrolle bei den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens – und kam deshalb für zwei Jahre ins Gefängnis.

Obwohl er damals zwischen den Studenten und der Pekinger Führung zu vermitteln suchte, machte er sich wegen des Blutbades große Vorwürfe. Als er später die Eltern eines getöteten 17-Jährigen besuchte, gab er ihnen ein Gedicht, in dem er sich vorhielt: "Gegenüber der Seele eines jungen Toten ist mein Überleben ein Verbrechen".

Diese radikale Selbstkritik ist das Ungewöhnlichste an diesem Nobelpreisträger. Während andere über ihre Fehler schweigen, hat Liu Xiaobo sie öffentlich gemacht. Minutiös beschrieb er, wie er während der Kulturrevolution einen alten Mann quälte. Schwere Vorwürfe machte er sich, weil seine Frau unter seinen politischen Aktivitäten so zu leiden hatte. Als er 1996 in ein Arbeitslager eingewiesen wurde, betrachtete er dies als gerechte Strafe, weil er einst in der Haft ein Geständnis unterschrieben hatte.

So radikal, wie er mit sich selbst ins Gericht geht, so kompromisslos verlangte er auch von Bei Ling, sich für "unsere Sache" einzusetzen. 1999 sollte dieser für die "Mütter des Tiananmen-Platzes" im Ausland Geld sammeln. 2001 erklärte er es als dessen "Pflicht", einen unabhängigen chinesischen PEN-Club zu organisieren. 2007 zerbrach ihre Freundschaft sogar vorübergehend wegen massiver Meinungsverschiedenheiten.