Die EU-Staaten arbeiten an einem dauerhaften Krisenmechanismus für den Euro. Die Banken müssen bei der Kreditvergabe künftig mehr Eigenkapital vorhalten. Neue Vergütungsvorschriften sollen sicherstellen, dass die Topmanager nicht den kurzfristigen Profit maximieren, sondern das langfristige Wohl ihrer Firma im Auge behalten. An vielen Ecken und Enden arbeiten Politiker daran, unsere Wirtschafts- und Finanzordnung nach den Schocks der vergangenen Jahre krisenrobuster zu machen.

Aber es gibt bei all diesen Bemühungen um mehr Stabilität und Sicherheit für unser System einen blinden Fleck: die Chefetagen der Wirtschaft.

Das ist ein Problem, denn bei vielen Topmanagern fehlt es schlicht an Charakterbildung, an Verständnis für die Belange der Mitarbeiter und unserer Gesellschaft. Denn schuld an dem Riesenschlamassel war nicht zuletzt die Maßlosigkeit unserer Wirtschaftselite. Die Führungskräfte bedürfen daher dringend der Erdung – der Einbindung in den Alltag und der Einnordung auf das Gemeinwohl.

Wer den Vorstandsfahrstuhl benutzt und dem Fußvolk aus dem Weg geht, wer keine Zeit mehr findet, sich mit den Mitarbeitern in der Kantine regelmäßig in die Schlange zu stellen, wer seine Kinder strategisch in englischen Grundschulen, deutschen Internaten und privaten Business-Schools vor der misera plebs abschirmt, wer in seinem Unternehmen ständig mit Milliardengrößen operiert, bei dem verrutschen fast zwangsläufig die Maßstäbe. So erscheinen fast allen Topmanagern denn auch ihre Millionengehälter als natürlich, kritische Äußerungen dazu indes als Ausdruck eines in Deutschland angeblich tief verwurzelten Neidkomplexes.

Unsere aktuelle Wirtschaftselite hat sich gefährlich von den Werten ihres Heimatlandes entfremdet. Denn Deutschland definiert sich immer noch entscheidend über "Maß und Mitte", wie der Berliner Politikprofessor Herfried Münkler in seinem in diesem Herbst erschienenen Buch mit gleichnamigem Titel herausgearbeitet hat.

Das Elend mit der Generation des Topmanagements, die heute das Bild der Wirtschaft prägt, beginnt mit der systematischen Fehlauswahl bei der Rekrutierung. Für den Aufstieg in den engsten Kreis der deutschen Führungskräfte zählen nicht, wie oft behauptet wird, in erster Linie Herkunft oder Ausbildung, sondern einzig und allein die Bereitschaft des Hochschulabsolventen, seine Seele an den Arbeitgeber zu verkaufen. Darin unterscheiden sich die klassischen Brutstätten der künftigen Managementelite wie Vorstandsstäbe, Investmentbanken oder Unternehmensberatungen kaum von den zweifelhaften Selektionsprozessen einschlägiger Sekten. Wer in der Organisation etwas werden will, darf außerhalb nichts mehr sein und muss deshalb mit allen bisherigen sozialen Kontakten brechen.

Allein der zeitliche Einsatz, der vom Führungsnachwuchs in den ersten Berufsjahren eingefordert wird, lässt eine ernsthafte Beziehung zu Menschen außerhalb der Firma, seien es Familie oder Freunde, nicht mehr zu, geschweige denn ein Engagement in der Nachbarschaft oder im Verein.

Konsequenz: Unsere künftige Wirtschaftselite, noch nicht 30 Jahre alt, hat bereits jede Bodenhaftung verloren, weil sie am wirklichen Leben der Menschen nicht mehr teilnimmt, nicht mehr teilhaben kann.