Es sieht aus, als habe Gunung Siregar noch einmal Glück gehabt. Vor Kurzem stand er vor dem Nichts. Er verlor seine Arbeit als Wachmann bei einer Bank, seine Frau musste das Geld für die Familie heranschaffen. Sie nahm einen Kleinkredit auf und eröffnete einen Kleiderladen in Tigaraksa, einem Dorf im Westen Jakartas. Dann aber schwoll ihr Bauch an. Diagnose: Krebs. Es war ihr Todesurteil. "Ich hatte große Angst, als ich das hörte", sagt Gunung. Angst um seine Frau, aber auch um seine Zukunft. Wovon sollte er die Kreditschulden zurückzahlen? Wie die drei gemeinsamen Kinder ernähren?

Notlagen werden für Menschen wie Gunung, die kaum drei Euro am Tag zum Leben haben, sofort zu einer Existenzfrage. Es gibt kein Sozialsystem in Indonesien, wie in den meisten Entwicklungsländern. Stirbt der Ernährer, stürzt die Familie häufig ins Elend.

Dass Gunung auf dem Sofa in der Sonne sitzt, vor seinem Haus, und bei einer Tasse Tee seine Geschichte erzählen kann, hat einen Grund: Seine Frau gehörte zu der winzigen Minderheit armer Menschen, die eine Kleinstversicherung abgeschlossen haben. Jahresprämie: umgerechnet 60 Cent. Als sie starb, bekam Gunung 300 Euro – und zwar vom deutschen Versicherungsriesen Allianz, der solche Policen seit einiger Zeit anbietet. 300 Euro, das war genug, um die Schulden zurückzuzahlen und eine kleine Schmiede zu eröffnen, die das Einkommen sichern sollte. Gunung zupft an den Flusen des Sofas, das dabei ist, sich aufzulösen. Er blickt auf die staubige Straße vor dem Haus, das im Nirgendwo liegt. In Tigaraksa gibt es keine Bank, keine Post, nicht einmal öffentliche Verkehrsmittel. Nur einen Kiosk am Ende der Straße.

Bei Mikroversicherungen teilen sich die Mitglieder ein Risiko, genau wie bei konventionellen. Mit dem Unterschied, dass die Beiträge oft nur ein paar Cent hoch sind, damit Menschen wie Gunung und seine Frau sie sich leisten können. Außerdem sind die Versicherungen ganz einfach gestrickt, das spart Kosten. Die Allianz kennt von ihren Kunden in Indonesien nur den Namen, das Geschlecht und das Geburtsdatum, sonst nichts.

Mikroversicherungen gelten als die nächste Revolution der Entwicklungshilfe. Die letzte, das waren die Mikrokredite, die Muhammad Yunus erfunden hat. Mit deren Hilfe haben sich weltweit Millionen Menschen aus der Armut befreit: Sie ziehen mit dem Geld kleine Geschäfte hoch, einen Kleiderladen etwa wie Gunungs Frau vor ihrem Tod, während die Bank an den Zinsen verdient. Damit hatte Yunus es geschafft, Armut durch finanzielle Anreize in großem Umfang zu bekämpfen.

Skandale in Indien werfen zurzeit einen Schatten auf die Mikrokredite. Mehrere Banken und Vertreiber von Mikrokrediten prüfen nicht mehr genau, wofür sie Kredite vergeben, und üben Druck auf diejenigen aus, die ihren Kredit später nicht mehr zurückzahlen können, weil sie scheitern oder das Geld für andere Dinge ausgegeben haben. Dutzende, wenn nicht Hunderte von Kreditnehmern nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. So ist die Frage aufgekommen, ob Yunus’ Idee viele Arme am Ende nicht noch tiefer ins Unglück stürzt, statt sie daraus zu befreien.

"Ganz im Gegenteil", sagt Ralf Rademacher von der Micro Insurance Academy im indischen Delhi. "Die meisten Armen verschulden sich ja nicht, weil sie zu viel Geld für Kinobesuche ausgeben." Der häufigste Grund sei die Krankheit eines Familienmitgliedes – und die Lösung dafür sei "eine Mini-Krankenversicherung", so der Experte. Für ihn und andere sind die Mikroversicherungen der letzte fehlende Baustein, um Mikrokredite zu einer für alle Seiten sicheren Angelegenheit zu machen. Rademacher glaubt: Im Fall des Todes des Ernährers helfe eine Risikolebensversicherung – "und das ist erst der Anfang". Rademacher hofft, dass die Öffentlichkeit durch die Selbstmorde in Indien versteht, wie wichtig Mikroversicherungen sind.