ZEITmagazin: Herr Väth, Sie haben in Ihrem Frankfurter Cocoon Club ein Restaurant, das sich inzwischen dank des Kochs Mario Lohninger mit einem Michelin-Stern schmückt. Welche Rolle spielt Essen für Sie?

Sven Väth: Ich bin ja gutbürgerlich aufgewachsen, und so war auch die Küche. Aber ich habe Sensoren für schöne Dinge, auch was den Gaumen angeht. Das Reisen hat meinen Gaumen geschult. Da habe ich überhaupt erst gelernt, was ich eigentlich mag. Essen hat etwas mit bewusstem Leben zu tun. Und diese Bewusstheit ist mir sehr wichtig.

ZEITmagazin: Als DJ verbindet man Sie eher mit Ekstase und Exzess. Ist die Gourmetküche für Sie ein Gegenprinzip?

Väth: Ja, ich habe immer das Laute gesucht, aber auch das Leise gebraucht. Ich mag keine halben Sachen. Wenn ich was mache, gebe ich Vollgas. Aber wenn man viel gibt, braucht man auch einen Gegenpol, um wieder auftanken zu können.

ZEITmagazin: Haben Sie lange gebraucht, das zu lernen?

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Väth: Ja, es hat lange gedauert. Es gibt Momente im Leben, die einen zum Nachdenken bringen. Wo man sich fragt: Was will ich, was bin ich bereit, dafür zu geben? Und wie weit will ich kommen? Bei mir ist immer alles nachts passiert, laut und mit einem Wahnsinnstempo. Wenn Sie das 30 Jahre durchhalten wollen, müssen Sie Ihre Kräfte gut einteilen.

ZEITmagazin: Man sieht Ihnen diese 30 Jahre nicht an. Auch das Tempo nicht. Sie sitzen hier mit einer erstaunlichen Ausgeruhtheit und Gelassenheit.

Väth: Danke schön. Ich habe vorhin meditiert und meinen Sport gemacht. Ich versuche, an kleinen Ritualen festzuhalten. Mein Leben sieht manchmal recht chaotisch aus, aber ich habe in Wahrheit viel Struktur. Gerade bin ich zum zweiten Mal Daddy geworden. Das geht gar nicht ohne Struktur.

ZEITmagazin: Wie haben Sie sie gefunden?

Väth: Man stolpert irgendwann im Leben darüber. 1990 bin ich nach Indien gereist, ich war zum ersten Mal alleine im Urlaub. Ich bin in Goa gelandet. Da lief die Zeit auf einmal ganz anders: Da war alles plötzlich slow pace, komplett runtergefahren. Da habe ich das erste Mal gelernt, meine Geduld zu schulen. Ich bin dann durch Indien gereist, habe mich mit dem Hinduismus beschäftigt, mit dem Buddhismus. Das hat viel Ruhe in mein Leben gebracht. Ich bin natürlich ein Genussmensch, aber mittlerweile ein kontrollierter. Ich lebe nach dem Prinzip: Wenn schon, denn schon. Mit einem Glas Wein komme ich meistens nicht weit. Aber ich habe meine Gelüste über all die Jahre mehr und mehr diszipliniert. Ich habe dann angefangen, mir Auszeiten zu gönnen, in einem festen Rhythmus: Immer im Oktober, nach der intensiven Sommersaison, trinke ich drei Monate keinen Alkohol, esse kein Fleisch und rauche nicht.