Zum Geburtstag am 5. Dezember gibt es Heringstorte, anschließend ein riesenhaftes Rosinenbrot in Gestalt einer Vier. Knut, der beschenkte Eisbär, kann beides in Ruhe verspeisen, denn seine hungrigen Artgenossen dürfen nicht mitfeiern. Dafür aber ganz viele Genossen der anderen Art – menschliche Besucher, die, wie in den drei Jahren zuvor, seine verzückte Berliner Geburtstagsgesellschaft bilden. Nur sechs Tage später gratuliert ein Publikum im französischen Antibes, denn Flocke, das aus Nürnberg gekommene Eisbärmädchen, wird drei.

Unterdessen erreichen uns schummrige Videos aus der Nürnberger Wurfhöhle von Bärenmutter Vera, in der jüngst Flockes Geschwister zur Welt gekommen sind . Nächstes Jahr also zwei Heringstorten mehr. Adventszeit, Eisbärenzeit, Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Eisbären seiner Gnade. Zu anderen Jahreszeiten widmen wir uns dem Kölner Elefanten Marlar, geboren im März 2006, oder dem Frankfurter Tiger Daseep, geboren im September 2010, die beide die Menschen zu Tausenden in den Zoo ziehen.

Was gedenken sie dort zu finden? Versammeln sich in ihrer Freizeit um ein Gehege wie andere um ein Fußballfeld. Doch während die im Stadion kollektiv ausrasten, feiert man im Zoo den sanften Affekt: Einem pubertierenden Eisbären wird jede erdenkliche Zuneigung gezeigt. Zuneigung gilt immer Individuen, genau das sind die meisten Tiere nach menschlichen Kriterien nicht, weshalb es Schnitzel gibt. Und Schnitzel kann man auch nach dem Knut-Besuch noch problemlos verzehren, was bemerkenswert ist, müsste man sich doch anstelle des Bärenkindes mal ein Ferkel vorstellen.

Um den Ruhm des Knut zu verstehen, hilft es, den Blick einmal kurz vom Zoo abzuwenden, hin zu den anderen, nicht so berühmten Tieren und auf unser kompliziertes Verhältnis zu ihnen. Denn die Prominenz von Knut und Marlar, Flocke und Daseep hat viel mehr mit den anonymen Scharen zu tun, als man sich das auf so einem Tiergeburtstag zunächst vorstellen mag.

Manche Tiere, wie Knut, werden gehätschelt , andere werden wie Schweine geschlachtet. Dazwischen mag es Abstufungen geben, doch insgesamt scheint es ein Kennzeichen moderner Gesellschaften zu sein, dass sie ihre Tiere schlecht behandeln. Das ist, leicht zugespitzt, eine These des Duos Adorno/Horkheimer aus der Dialektik der Aufklärung . Wer die Vernunft absolut setzt und sie dem Tier gleichzeitig abspricht, hat am Ende des Gedankens das Recht zur Herrschaft gewonnen, Herrschaft des vernunftbegabten Menschen über das vernunftlose Tier, das zum Objekt menschlicher Machtausübung wird.

Diese Überlegung mag die Existenz der Schlachthäuser erklären. Bloß geht der Trend erstens zum Vegetarismus, zweitens pilgern wir treu zu Knut und den anderen, drittens lieben wir doch unsere Haustiere und behandeln sie wie unseresgleichen, lassen sie sogar an unserer Religionsausübung teilhaben.

Jedes Jahr am 4. Oktober, am Tag des heiligen Franz von Assisi, gehen im Rheinland viele Haustierbesitzer in die Kirche, um ihre Lieben segnen zu lassen. Die Kirchen seien dann gerappelt voll, berichtet eine tierbegeisterte Pastoralreferentin aus Bergheim bei Köln, sodass nicht mehr nur die Pferde draußen vor den Portalen stünden. Vielmehr bildeten sich sehenswerte Warteschlangen aus Hunden, Katzen, Vögeln, Herrchen und Frauchen.