Stahl kann sensibel sein. Wenn bei der Bahn im Winter nichts mehr geht, liegt das oft an den stählernen Schienenweichen. 65.000 davon gibt es im gesamten Netz, bei Feuchtigkeit und Minustemperaturen legen sie alles lahm. Die Weichenzunge kann vereisen; die Weiche lässt sich nicht mehr stellen. Zum Glück ist das Problem seit hundert Jahren bekannt, und man hat eine Lösung gefunden: Heizungen.

Die funktionieren aber nicht immer. "Viele Heizungen sind einfach kaputt", sagt Anton Hofreiter, verkehrspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen. Aber selbst die Weichen, deren Heizungen intakt sind, können einfrieren: Sie sind nämlich so eingestellt, dass sie nur eine Temperatur von ein paar Grad über null Grad erzeugen, aber keineswegs weit und breit alles wegtauen. Da kann es passieren, dass der Schnee leicht antaut und zwischen Weiche und Schiene rutscht und das System blockiert, bis ein Räumtrupp kommt. Bei "besonders kalten Temperaturen", so ein Bahnsprecher, kann sich auch an eigentlich beheizten Weichen immer wieder Schnee festsetzen und für Störungen sorgen.

Die Weichen in Kälteperioden etwas stärker zu heizen, so der Sprecher, wäre für die Bahn ein "unverhältnismäßiger Energieverbrauch".

Was ist da los in Deutschland? Tausende Menschen stecken auf Flughäfen und Bahnhöfen fest, Autos schleichen im Schritttempo über die Autobahnen. Flüge fallen aus, Züge bleiben liegen, in Warteschlangen kommt es fast zu Prügeleien. Die Lufthansa fordert Passagiere auf, auf die Schiene umzusteigen, und die Deutsche Bahn riet ihren Kunden am Sonntag, besser nicht den Zug zu nehmen.

Es gab einmal eine Zeit, die sechziger Jahre, da warb die Bundesbahn noch ganz anders: "Alle reden vom Wetter. Wir nicht". Oder: "Bei M + S (Matsch + Schnee) lieber gleich DB". Die Bahn ist winterfest, sollte das heißen. Stahl auf Stahl rollt bei jedem Wetter. Fünfzig Jahre später klingt das ziemlich anmaßend. Aber wer ist schuld?

Man kann in dieser Frage grundsätzlich werden und sagen, die Gesellschaft ist schuld. Im vergangenen Jahr rief das Bundesverkehrsministerium in Berlin seinen wissenschaftlichen Beirat zusammen und ließ eine Studie erstellen: Wie steht es eigentlich um die Zuverlässigkeit der Verkehrssysteme in Deutschland?

Der damalige Studienleiter, der Dresdner Verkehrsexperte Gerd-Axel Ahrens, sagt: "Das ökonomische Denken ist gegenüber technischen Standards und Perfektionismus in den Vordergrund gerückt. Natürlich wird dadurch die Störanfälligkeit des Systems größer." Sprich: Straßen sind verstopft, Bahnen und Flugzeuge fallen aus, weil mehr gespart wird als früher. Ahrens sagt aber auch: "Effizient und kostengünstig zu sein ist einfach eine gesellschaftliche Anforderung. Keiner will über Gebühr Steuergelder in die Verkehrssysteme stecken."

Man kann das so übersetzen: Irgendwann wurde im Spannungsfeld zwischen Spareifer und Gründlichkeit entschieden, dass die Bahn in diesem Land nicht mehr fit für den Winter ist.

Die Bahn sagt: Wir haben zusätzliche Enteisungsanlagen angeschafft, Abdichtungen ausgetauscht, die Zahl der Einsatzkräfte erhöht und zwei Drittel aller Weichen mit Heizungen ausgestattet. Der Fahrgastverband Pro Bahn hält dagegen: 5000 weitere beheizte Weichen müssten es schon sein. Die Hauptstrecken seien mit heizbaren Weichen versehen, nicht aber alle zum Ausweichen wichtigen Nebenstrecken. Aber nicht nur die Weichen, auch die Bäume bereiten in diesen Tagen Probleme, wenn sie unter der Schneelast auf Schienen und Oberleitungen kippen. An vielen Strecken wurde das, was links und rechts des Gleisbetts wuchert, nicht regelmäßig zurückgeschnitten.