In den vergangenen Wochen haben führende deutsche Politiker wieder einmal Afghanistan entdeckt. Zuerst schritt Karl-Theodor zu Guttenberg wie gewohnt selbstsicher über den Staub des deutschen Militärlagers im afghanischen Masar-i-Scharif. Dann mimte die Kanzlerin Angela Merkel vor den Bundeswehrsoldaten deutsche Entschlossenheit . Sie sprach sogar das Wort "Krieg!" aus. Doch so richtig zündend war das alles nicht. Der stramme Schritt des Adeligen, das harte Wort aus Kanzlerins Mund – all das verpuffte wie eine Nebelrakete. Schließlich meldete sich auch der Fraktionsvorsitzende der SPD, Frank-Walter Steinmeier, mit markigen Worten: " Bindender Abzugstermin 2011! " Kaum aufgetaucht, ging Afghanistan wieder unter in einer gewohnten Kakofonie.

Was war denn geschehen? Was haben Merkel, Guttenberg, Steinmeier wirklich vorgeschlagen? Klar wurde das nicht, doch blieb ein Eindruck zurück: Ganz egal, ob ein deutscher Politiker "Krieg" sagt oder "Abzug", "Frieden" oder "Terror" – es klingt in Bezug auf Afghanistan hohl.

Nun kann man mit gutem Recht sagen: Selber schuld! Sie haben es nie ernst gemeint mit diesem Einsatz! Deutschland ist nach dem 11. September in den Afghanistankrieg geschlittert wie andere Länder auch, wie die ganze Nato. Es ist richtig, dass keiner der beteiligten Staaten mit Begeisterung seine Soldaten an den Hindukusch schickte. Nicht einmal die Amerikaner. Die wären viel lieber gleich in den Irak einmarschiert. Und als es doch Afghanistan wurde, da wollte Washingtons Armee zunächst nur al-Qaida zerschlagen. Kein Nation-Building war in der ersten Zeit angesagt. Nur die Europäer sprachen davon, allerdings aus Verlegenheit. Sie konnten die Amerikaner aus Bündnispflicht nicht allein lassen, doch durften sie den eigenen Bürgern auch nicht sagen: "Wir gehen dahin, um Terroristen auszumerzen!" Wie auch? Die Europäer fühlten sich nicht angegriffen, bis heute nicht. Darum ist Afghanistan ihnen in den Schoß gefallen wie ein unerwarteter, bitterarmer, geschändeter Gast, mit dem man nichts anzufangen wusste, dem man aber auch nicht die Tür weisen konnte. Diese Tatsache verbarg man mit viel Pomp und Trara! Demokratie – Menschenrechte – Rechtsstaat. Das war der Dreiklang, mit dem man versuchte, der europäischen Intervention eine Form zu geben. Daraus wurde nichts. Die Nato stolperte weiter, immer tiefer in dieses Land, wo sie jetzt stecken bleibt.

War es alles gut gemeint? Möglich ist das. Nur die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache – besonders die deutsche. Afghanistan und Berlin, das ist die Geschichte eines zehn Jahre währenden Wegduckens. Verantwortung wollte keiner übernehmen. Das geschah nicht so sehr aufgrund von Kurzsichtigkeit, sondern wohl aus einem politischen Instinkt heraus. Der sagte den Politikern in Berlin Folgendes: Was gibt es in Afghanistan innenpolitisch eigentlich zu gewinnen? Und die Antwort war: nichts!

Mag sein, dass dies ein provinzieller deutscher Reflex ist, der nicht geeignet scheint für die neue gefahrvolle Welt. Doch gründete er auch auf einer realistischen Einschätzung der Verhältnisse. Woher wollte man denn die politische Kraft beziehen, ein Land wieder aufzubauen, das Tausende von Kilometern entfernt liegt und von dreißig Jahren Krieg verwüstet ist? Woher die Legitimation, dort das Leben eigener Soldaten aufs Spiel zu setzen?

Die Kraft reichte höchstens für einen kurzen Einsatz, nicht aber für einen langen, sie reichte für ein paar Tausend Soldaten, aber nicht für 130.000. Für einige Milliarden Entwicklungshilfe, aber nicht für Hunderte Milliarden im Jahr. Aber hätte das gereicht, um Afghanistan auf die Beine zu helfen?

Der Einsatz wird sich noch eine Weile hinziehen, vielleicht noch über Jahre. Doch jetzt schon liegt über jeder Geste, jeder Tat und jedem Wort die Melancholie der Vergeblichkeit. Es ist, als sei jeder von einer spezifischen Schwindsucht befallen – einem Morbus Afghanus.