Wer Brad Estabrookes Reich betritt, den umfängt ein süßlicher, würziger Duft, der die Abgase von draußen sogleich verdrängt. Der Blick fällt auf die kupferne Destille, dann auf den schmächtigen 31-Jährigen, der mit Dreitagebart, Turnschuhen und Sweatshirt aussieht wie ein Student und an einem Schreibtisch voller Papiere sitzt. "Buchhaltung", seufzt Brad Estabrooke.

Welcome to Breuckelen Distilling Company! Der ersten Ginbrennerei in Brooklyn seit dem Ende der Prohibition.

Es ist noch nicht lange her, da führte Estabrooke ein anderes Leben, im Anzug, in Manhattan, nur sechs Kilometer Luftlinie entfernt. Bis vor knapp zwei Jahren war er ein bond trader bei der Deutschen Bank. Bis am 15. September 2008 die Investmentbank Lehman Brothers , unterging und die Finanzwelt beinahe mit sich riss. Kurz darauf wurden Estabrooke und seine Kollegen entlassen – ein jähes Erwachen.

Schon lange, erzählt Estabrooke, habe er mit dem Gedanken gespielt, sich selbstständig zu machen: "Meine Arbeit hat mir gefallen, aber ich wollte gerne etwas Konkretes, ein Produkt schaffen." Doch das waren Tagträumereien, wie er heute weiß. "Wenn sie mich nicht gefeuert hätten, wäre ich nie ganz bereit gewesen, die Finanzbranche zu verlassen."

Auf die Idee, Gin zu brennen, war er Jahre zuvor gekommen. Nun vor die Entscheidung gestellt, nahm Estabrooke seine Ersparnisse, sammelte Geld bei Familie und Freunden. Er orderte eine Destillationsanlage, 400 Liter groß, geliefert von Ulrich Kothe, einem Mittelständler aus dem schwäbischen Eislingen – "ein richtig guter Partner", schwärmt der Extrader. Seit dem Sommer nun ist Breuckelen Distilling aktiv, und bisher verläuft der Start gut. Der Jungunternehmer lädt zu Kostproben, Stadtmagazine loben seinen Gin, den er über Läden und Bars vertreibt.

Es waren Zehntausende Banker, die 2008 und 2009 ihren Job verloren, in New York, London, Frankfurt. Aussteigen, die Finanzwelt hinter sich lassen, dieser Gedanke packte einige – doch oft blieb es beim Gedanken. Viele sind wieder in der Spur. Alles ist wie gehabt, das große Geld inklusive: An der Wall Street belaufen sich die Vergütungen, die die fünf größten Häuser für 2010 ausschütten wollen, auf 90 Milliarden Dollar. Banker schwärmen von neuen goldenen Zeiten und lassen es krachen.

Würde Brad Estabrooke gerne erneut einsteigen? Die Antwort kommt schnell: "Ich gebe hier nur auf, wenn meine Gläubiger die Anlage abholen und der Vermieter mich aussperrt."

Was treibt Menschen wie ihn an, welche Lehren ziehen sie? Welche Hoffnung hat sich erfüllt, welche als Illusion erwiesen? Wer Antworten sucht, begegnet Menschen, die überraschend wenige Zweifel hegen. Ohne die Krise wären sie zwar heute wohl alle noch an ihrem alten Platz. Aber sie hatten eine Idee von einem anderen Leben, von echter Passion. Und als ihre alte Welt zerbrach, hatten sie den Mut, den Sprung zu wagen, professionell, voller Ambitionen. Bis heute halten sie durch. Ein Scheitern? Ist möglich. Mehr nicht. Sie haben sich weniger gegen etwas als für etwas entschieden. Weniger moralisch, mehr egoistisch. Wer ihnen zuhört, erkennt, wie sehr Banker, die ihre alte Welt verlassen, die Gesellschaft weniger als Person denn als Projektionsfläche interessieren.