Im Namen des Herrn

Freitags passt es Manfred Dahm nicht. Donnerstagnacht arbeitet er nämlich ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge und bekommt deswegen kaum Schlaf, erzählt er. Also findet das Interview davor statt. Dahm ist Unternehmensberater. Einer, der sich die Nächte um die Ohren schlägt, indem er sich am Telefon anonym das Leid anderer Menschen anhört. Oft gehe es um Suizid, sagt Dahm. Immer häufiger auch um die Arbeit, um Stress am Arbeitsplatz, Mobbing, Burn-out und um Manager, denen ihr Job über den Kopf wächst. Morgens schlüpft Dahm dann in einen Anzug, bindet sich eine Krawatte um und berät Banken, Versicherungen, Industrieunternehmen.

Unternehmensberatung und Seelsorge? Für Manfred Dahm geht das nicht nur zusammen, es gehört zusammen. Ihn nervt das ramponierte Image der Beratungsbranche; das der arroganten Rationalisierer, die Unternehmern mit ihrem Expertenrat einen Freibrief ausstellen, um Stellen zu streichen und sich dafür auch noch fürstlich bezahlen zu lassen. "Viele Unternehmensberatungen folgen einem Diktat der Zahlen. Bei uns stehen die Menschen im Vordergrund", beschreibt Dahm die Betriebsphilosophie der KiWi AG, deren Vorstandsvorsitzender er ist. KiWi – kurz für Kirche und Wirtschaft – ist eine Unternehmensberatung, die vor drei Jahren von der Erzdiözese Rottenburg-Stuttgart gegründet wurde. Bischof Gebhardt Fürst führte die katholische Kirche mit diesem Schritt auf unternehmerisches Neuland. KiWi soll den deutschen Unternehmern ihre gesellschaftliche Verantwortung ins Gedächtnis rufen.

Glaubt man Manfred Dahm, war die Zeit für diesen Beratungsansatz überfällig: "Viele Leute fühlen sich ausgebrannt und leer. Daran ändert auch das dritte Handy und der vierte Urlaub nichts." Die Wirtschaftskrise war für ihn nur ein Symptom für das mangelnde Miteinander im westlichen Wirtschaftssystem, allerdings eines, das die Notwendigkeit neuer Umgangsformen im Arbeitsalltag offenlege. Bei KiWi hat man es sich zur Aufgabe gemacht, zu versöhnen und Akteure, die bisher aneinander vorbei oder gar gegeneinander gearbeitet haben, auf ein gemeinsames Unternehmensziel einzuschwören.

In vielen Fällen hat KiWi die Probleme der Unternehmen gelöst, indem alle Beteiligten des Konflikts um einen Tisch versammelt wurden. "Wir schaffen Räume für Begegnungen, eröffnen einen Dialog. Und vor allem sprechen wir nicht über, sondern mit den Mitarbeitern", sagt Dahm. Die Expertise zur Lösung der jeweiligen Probleme sei in der Regel in den Unternehmen vorhanden, aufgrund mangelnder Kommunikation träten diese jedoch nicht zutage. "Viele Manager haben sich von ihren Belegschaften entkoppelt. Sie könnten einige Probleme lösen, wenn sie öfter in der Kantine zu Mittag essen und zuhören würden", sagt Dahm. Er sieht es als seine Aufgabe an, die Führungskräfte in den Unternehmen dafür zu sensibilisieren. Dem Manager einer deutschen Bank, der für 800 Mitarbeiter verantwortlich ist, schenkte Dahm zu Weihnachten kurzerhand ein Wochenende im Kloster. Zunächst konnte dieser gar nichts damit anfangen. Am Ende fuhr Dahm mit, und die beiden unterhielten sich ausführlich über Fragen, für die im Tagesgeschäft kein Platz ist. Welche Bilanz zieht man nach 50 Lebensjahren? Welche Ziele hat man im Leben? Welche Rolle spielt dabei der Job? Und wie wird das alles von der Atmosphäre am Arbeitsplatz beeinflusst? "Manchmal ist es wichtig, einen Schritt zurückzugehen und sich Zeit zu nehmen für die wirklich wichtigen Fragen", erklärt Dahm. Der Manager sei so begeistert gewesen, dass er seinen Führungskräften ebenfalls eine Klosterklausur verordnet habe.

Nicht in allen Fällen ist es mit einem Klosterbesuch getan. Es gibt ökonomische Bedingungen, die harte Einschnitte erfordern, Personalabbau zum Beispiel. "Unser Anliegen ist es, alle Alternativen auszuloten", sagt Dahm. "Wenn von vornherein klar ist, dass der Unternehmer entlassen will und nicht bereit ist, über andere Möglichkeiten nachzudenken, dann weisen wir den Auftrag zurück." Gern erzählt Dahm von einem kleinen Unternehmen, das drei Leute entlassen musste. Auf Initiative der KiWi-Berater rief der Geschäftsführer bei anderen Unternehmen der Region an und besorgte allen dreien einen neuen Job.

Sie verabscheuen den "Beratersprech"

Die Arbeit bei KiWi habe durchaus einen seelsorgerischen Aspekt, sagt Dahm. In erster Linie gehe es um die Frage, ob die Menschen bei der Arbeit glücklich seien. "Wer glücklich ist, ist produktiv." Jährlich entgingen der deutschen Wirtschaft mehrere Milliarden Euro durch das Phänomen der inneren Kündigung; wenn also Menschen so frustriert sind, dass sie zwar physisch anwesend, aber nicht mehr leistungsbereit sind.

Wenn KiWi Berater einstellt, ist der fachkundige Umgang mit Menschen das wichtigste Qualifikationskriterium. Unter ihnen befinden sich Theologen, Sozialarbeiter und Psychologen. Alle bringen sie Erfahrungen aus großen Unternehmen, häufig aus der Personalabteilung mit. KiWi rekrutiert bewusst keine Mitarbeiter, die gerade von der Uni kommen. "Wir setzen viel Erfahrung im Wirtschaftsleben voraus. Sonst kann man sich nicht in die Probleme hineinversetzen, die wir zu lösen versuchen", sagt Dahm, der selbst einmal Personalchef eines großen mittelständischen Unternehmens war. Sein Vorstandskollege Clemens Müller-Störr hat eine Manager-Vergangenheit bei Daimler.

Es ist Manfred Dahm wichtig, sich von anderen Unternehmensberatungen zu distanzieren. Er verabscheut den "Beratersprech", der nur zur Verschleierung beitrage. Dabei komme es doch gerade auf Kommunikation an. Alle Beteiligten müssten sich verstehen, keiner solle ratlos zurückbleiben, abgehängt werden. Deswegen heißt bei Dahm das "Office" noch "Büro", und "gestreamlinte", also auf immer gleiche Anforderungsmuster getrimmte Lebensläufe lehnt er nicht nur sprachlich, sondern auch in der Sache ab. Bei KiWi arbeite man in der Regel 40 Stunden in der Woche, mehr nicht. Wie sollte man sonst Führungskräften glaubhaft erklären, wie man sich erfolgreich vor dem Burn-out schützt? Und auch auf der Gehaltsabrechnung steht eine niedrigere Summe als bei den großen Spielern der Szene wie McKinsey oder Boston Consulting Group.

Dennoch bietet Dahm den Konkurrenten in der Beraterbranche mit gesundem Selbstbewusstsein Zusammenarbeit an. "Ich würde gern gemeinsame Projekte mit anderen Beraterfirmen durchführen. Ich glaube, sie könnten auch einiges von uns lernen." Die Berater von KiWi wurden anfangs aufgrund des kirchlichen Etikettes gern in die Sektiererecke gedrängt, inzwischen werden sie aber ernst genommen. Der große Vorteil der Herkunft: Kaum einer kann so glaubwürdig die Begriffe "Mensch", "Wert" und "Sinn" zu einem wirtschaftlichen Beratungsansatz zusammenführen. Gerade hat KiWi bei einer großen deutschen Bank angeheuert: Eine Zukunftswerkstatt soll den Mitarbeitern und schließlich auch den Kunden erklären, dass Sicherheit wichtiger sei als die Höhe der Rendite.