In unserem Wald hausen noch Räuber, witzeln die Bewohner der westukrainischen Kleinstadt Brody. Aber dem Besucher bleibt das Lachen im Hals stecken. Auf dem Gelände einer ehemaligen sowjetischen Raketenbasis, deren SS-20-Mittelstreckenraketen gegen Brüssel gerichtet waren, leben heute Mörder, Diebe, Betrüger, die ihre Strafe verbüßten. Männer, die nach Jahren hinter Gefängnismauern in ein Leben in Freiheit zurückgeworfen wurden. Menschen, die man nicht gerne zu Nachbarn hat.

Ihr "Räuberhauptmann" heißt Ihor Hnat. 48 Jahre alt, ein Brocken von einem Mann. Einst TV-Journalist, jetzt Sozialarbeiter. Er steuert seinen Geländewagen mit Todesverachtung über einen Waldweg, der einmal im Sand, dann im Sumpf zu enden scheint.

1989, die Sowjetunion implodierte, drehte Hnat für einen Privatsender in der Stadt Uschhorod einen Film über zwei zwanzigjährige Waisenkinder, die fünf Jahre ihres Lebens im Knast verbracht hatten und nun überall abgewiesen wurden. Auch von den kommunistischen Jugendorganisationen. Der Bericht löste bei den Genossen so heftige Proteste aus, dass der bedrängte Autor den Bettel hinschmiss und sich der Sozialarbeit zuwandte. Das benötigte Startgeld verdiente er bei einem deutschen Unternehmen für Gasanlagenbau, für welches er einen Bewachungsdienst mit neunzig Leuten aufzog.

1993 gründete Hnat eine erste Kommune für Exsträflinge im Bergland der Karpaten. Doch stieß er bei den Bewohnern der umliegenden Dörfer und bei der Kirche auf heftigen Widerstand. Also zog er ein Jahr später um auf die Raketenbasis bei Brody. Willkommen war er nicht, aber man duldet ihn.

Die Höllenfahrt im Geländewagen endet. Weder im Sand noch im Sumpf, sondern auf einer 8,5 Hektar großen Lichtung. Hier stehen, von einzelnen hohen Bäumen beschirmt, die ehemaligen Kasernen, Arsenale und Ställe. Heute beheimaten sie das regionale Zentrum für soziale Adaption (RCSA), eine Auffangstation für Strafgefangene, die nach ihrer Entlassung ohne Familie und Ausbildung auf der Straße stehen. Einen Pass besitzen viele Exhäftlinge nicht, ihr einziges Dokument ist der Entlassungsschein – und damit erhält man nirgends Arbeit. Jeder zweite ehemalige Häftling wird in der Ukraine rückfällig, bei Waisenkindern sind es gar 80 Prozent. Aber nur jeder Siebte, der eine Weile im Wald bei Brody lebt, landet später erneut hinter Gittern.

In kalten Wintern leben auf der ehemaligen Raketenbasis bis zu 50 entlassene Sträflinge. Bei unserem Besuch im vergangenen Sommer sind es 17 Männer und fünf Frauen. Einer heißt Oleg, ist 37 und wuchs als Waisenkind in einem Heim auf. Der ausgebildete Kranführer erschlug im Streit einen Mann und wurde für acht Jahre eingesperrt. Bald nach der Entlassung erwischte man ihn beim Stehlen – und er erhielt noch einmal sieben Jahre aufgebrummt. Ein anderes Waisenkind, Andrej, saß wegen Taschendiebstahls fünf Jahre hinter Gittern. Die Haft war eine Qual. Niemand versorgte ihn mit Nahrungsmitteln und Geld; in der Ukraine sind Häftlinge auf Zuwendungen ihrer Familien angewiesen, vom Staat erhalten sie nur das Allernotwendigste. Der mittlerweile 23-Jährige schwor sich, nie wieder im Knast zu landen. Doch im regionalen Zentrum für soziale Adaption wird er noch eine Weile bleiben. Das gilt auch für Vera, 57. Die Ökonomin und Philosophin arbeitete in einem Großkonzern als Chefbuchhalterin. Als der Eigentümer mit dem Firmengeld untertauchte, beschuldigte man Vera und steckte sie für zehn Jahre ins Gefängnis. Darauf verließ sie ihr Mann, die Wohnung wurde verkauft. Nach der Entlassung stand die Studierte vor dem Nichts. Weswegen jemand im Gefängnis saß, interessiert im Wald bei Brody niemand. Nur gemeingefährlichen Leuten will man keinen Unterschlupf gewähren. Entscheidend für Ihor und seine Helfer ist, dass, wer anklopft, ein neues Leben beginnen will – aber nicht weiß, wie er das schaffen soll. Trotzdem gelten im RCSA Regeln, die jeder "Kommunarde" befolgen muss. Es sind zwar nur deren drei, aber für viele Ankömmlinge bedeuten sie einen kalten Entzug. Erstens wird kein Alkohol konsumiert, zweitens nicht gestohlen, und drittens erklärt sich jeder zum Arbeiten bereit. Wer sich an die Regeln hält, kann unbeschränkt lange hier leben. Wer dagegen verstößt, muss gehen.