ZEIT: Hassen Sie diese Leute?

Ziegler : Nein, ich hab nichts gegen sie. Kennen Sie den Brabeck, den CEO von Nestlé? Ich kreuz den ab und an beim Skifahren. Ein Halunke ist das nicht, sondern ein ziemlich anständiger Mensch. Der tut nur das, was seine Shareholder von ihm erwarten. Jean-Paul Sartre sagte: Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt. Nicht wer sie unterdrückt. Es geht nicht um persönliche Feindschaften. Es geht um die Strukturen dieser Welt.

ZEIT: Sie waren neun Jahre lang UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung. Seit August vergangenen Jahres sitzen Sie im beratenden Ausschuss des UN-Menschenrechtsrates. Was machen Sie da?

Ziegler: Ich bin ein kleiner Mann in dieser riesigen Uno. Was ich tun kann, ist, den Menschenrechtsrat auf Probleme hinzuweisen. Als Sonderberichterstatter war ich sechs bis sieben Mal im Jahr auf Mission, um mir ein Bild von einem Land zu machen. Ich hatte Zugang zu Gefängnissen, zu Flüchtlingslagern, Waisenhäusern. Ich habe mit Betroffenen gesprochen, mit Politikern und Wissenschaftlern. Am Ende trug ich meinen Bericht der Generalversammlung vor.

ZEIT : Entscheidet ein Sonderbotschafter selbst, wohin er reist?

Ziegler : Ja. Ich kann sagen: Da gibt es ein Problem, da will ich hin. Dann rufe ich beim Hochkommissariat für Menschenrechte an und sage zum Beispiel, ich möchte in die Mongolei, weil die Verzweifelten dort wieder anfangen zu nomadisieren. Dann heißt es: Es gibt drei Möglichkeiten. Entweder Sie fliegen über Seoul nach Ulan-Bator, oder Sie fliegen nach Peking und nehmen den Zug durch die Wüste Gobi, oder Sie reisen über Irkutsk in Sibirien. Dann mache ich ein Kreuz, und ein paar Tage später kommt das Billett mit dem Besuchsplan. In Ulan-Bator warten dann meine Assistenten, die Sicherheitsleute, der ganze Tross.

ZEIT : Wie kommt man an so einen Job?

Ziegler: Zufall. Kofi Annan erinnerte sich an mich. Als er noch ein kleiner Uno-Beamter in Genf war, sind wir beide denselben Frauen nachgelaufen. Als er den Posten eines Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung schuf, hatte ich gerade ein Buch über den Hunger geschrieben. Kofi schlug mich also vor, aber die westlichen Länder stimmten fast geschlossen gegen mich. Gewählt wurde ich, weil mich viele Botschafter aus dem Süden kannten, einige hatten sogar bei mir studiert. Sie wussten, dass ich ihnen eine Stimme gebe. Ein Freund von mir hat mal gesagt: Der Ziegler ist ein weißer Neger. Das stimmt: Ich bin ein weißer Neger!

ZEIT: Hört man Ihnen bei den Vereinten Nationen zu?

Ziegler : Mir begegnet man in New York immerhin auf Augenhöhe, anders als einem mongolischen oder somalischen Minister. Ich bin ein weißer Professor. Sie glauben gar nicht, wie rassistisch diese Vereinten Nationen immer noch sind.

ZEIT : Im Ausland sind Sie fast so populär wie Schweizer Uhren. In der Heimat gelten Sie vielen als Vaterlandsverräter. Schmerzt Sie das?

Ziegler: Heimat ist für mich meine Familie. Die Mutter meines Sohnes ist Ägypterin. Mein Sohn ist französischer Theaterautor, obwohl er hier geboren ist. Was also ist Heimat?

ZEIT: Im vergangenen Jahr wurde in der Schweiz der Neubau von Minaretten verboten. Der Rechtspopulist Christoph Blocher ist inzwischen der einflussreichste Politiker. Was ist los in Ihrem Land?

Ziegler : Jeder siebte Milliardär der Welt lebt in der Schweiz, aber wir haben Zustände wie in Bangladesch: Drei Prozent der Einwohner besitzen genauso viel wie die restlichen 97. Hier in Genf können sich immer weniger die teuren Wohnungen leisten. Da wächst eine Angst, die Leute wie Blocher ausnutzen. Mit seinen xenophoben Kampagnen verdummt er die Menschen.

ZEIT: Es gibt Länder, in denen es sich schlechter lebt. Was haben Sie gegen die Schweiz?

Ziegler : Nichts, ich liebe mein Land. Ich habe nur etwas gegen diese verlogene Herrschaftsschicht. Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, ist die Schweiz das zweitreichste Land der Welt – ein rohstoffarmes Fleckchen von 41.000 Quadratkilometern, davon gerade mal 60 Prozent bewohnbar, der Rest ist Fels und Gletscher. Wie macht die Schweiz das also? Ihr Rohstoff ist das fremde Geld: Blutgeld, Fluchtgeld aus der Dritten Welt, Steuerhinterziehungsgeld. 2,2 Milliarden Franken allein vom ehemaligen kongolesischen Präsidenten Mobutu, dafür gibt es im Kongo kaum Spitäler. 1,8 Milliarden von Abacha, einem kokainabhängigen Mörder, der mal Präsident von Nigeria war. Diese Reihe könnte ich beliebig fortsetzen! Und denken Sie an die Milliarden, die dem deutschen Fiskus fehlen. Ein riesiger Aderlass, der durch die Schweiz erst möglich wird. Da wird ein Rechtsstaat sabotiert.

ZEIT : Für viele Deutsche ist die Schweiz ein Vorbild.

Ziegler : Auch bei uns glaubt man: Wir sind so reich, weil wir so arbeitsam sind. Und deutsches Steuergeld fließt zu uns, weil der deutsche Staat ein Terrorist ist. Pierre Mirabaud, der Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, sagt: Deutsche Finanzämter verfolgen ihre Bürger mit Gestapo-Methoden. Die Steuerflucht sei also ein Fall von Notwehr. Da müsse man helfen. Ihr Deutschen seid viel zu nachsichtig mit uns.

ZEIT: Wir mögen euch Schweizer halt.

Ziegler : Aber eure Liebe wird nicht erwidert. Selbst diese antideutsche Welle, die seit einiger Zeit durch Zürich rollt, seht ihr folkloristisch! Ihr glaubt, wir seien brave Bergler, aber unsere Herrschaftsschicht ist unfassbar selbstherrlich, vielleicht die arroganteste in ganz Europa.

ZEIT : Wie kommen Sie darauf?

Ziegler: Sie ist die ungebrochenste. Der letzte fremde Soldat auf Schweizer Boden war ein Soldat Napoleons. Seitdem hat Europa Revolutionen, Kriege, Verwüstungen erlebt, faschistische und kommunistische Diktaturen. Nur die Schweiz: nichts. Dieselbe Herrschaftsstruktur seit Jahrhunderten. Immer dieselben Leute, die auf dem Gotthard sitzen und der Welt Lektionen erteilen. Ein historisch korruptes Alpenalbanien!

ZEIT : Sie übertreiben schon wieder...

Ziegler : Nein, wir sprechen hier von einer Elite, die den Zweiten Weltkrieg verlängert hat, indem sie das Raubgold der Nazis in Devisen umgewandelt hat, ohne zu fragen, wo es herkam. Nachgefragt haben die Schweizer Bankbeamten erst, als jüdische Bürger nach dem Krieg die Konten ihrer Angehörigen sehen wollten. Da fragten die Beamten: Wo haben Sie denn den Totenschein? Als hätte man in Auschwitz Totenscheine ausgestellt!