ZEIT : Erfüllt es Sie mit Genugtuung, dass das Schweizer Bankgeheimnis im vergangenen Jahr gelockert wurde?

Ziegler : Gelockert? Ach was, das bisschen Rechtshilfe. Nein, in diesem Fall ruht meine einzige Hoffnung auf dem Kapitalismus selbst: darauf, dass noch mehr Bankangestellte diese Steuersünder-CDs pressen, weil sie es nicht einsehen, dass irgendwelche Betrüger Millionen horten, während sie mit einem läppischen Gehalt abgespeist werden.

ZEIT : Sie sind in der deutschsprachigen Schweiz aufgewachsen, aber Ihren Vornamen Hans haben Sie gegen Jean eingetauscht; selbst Ihre Bücher schreiben Sie auf Französisch. Man gewinnt den Eindruck, dass Sie Ihre Herkunft gern vergessen würden.

Ziegler : Die Jahre verändern einen. Ich hatte eine ganz und gar sorglose Kindheit in der deutschsprachigen Schweiz, eingebettet in das calvinistische Bürgertum von Thun. Meine Mutter war eine wunderschöne, fröhliche Bauerntochter, mein Vater ein introvertierter, hochanständiger Mann. Ein Gerichtspräsident, sehr kultiviert. Wir wohnten in einer Villa, den ganzen Tag fuhr ich mit meinem Velo herum. Aber die ärmeren Kinder aus den umliegenden Dörfern waren bereits von ihren Eltern verdingt worden und arbeiteten als Mägde und Knechte. Jeden Donnerstag war Viehmarkt, und während die großen Händler sich im Restaurant die Bäuche vollschlugen, hüteten die Kinder der Armen draußen das Vieh, bleich und frierend. Diese Dinge habe ich in der Pubertät plötzlich wahrgenommen. Ich ging zu meinem Vater und fragte: Warum sind die so arm und wir so reich? Und mein Vater, der Calvinist, sagte: "Mein Sohn, mach deine Sach. Die Welt kannst du nicht ändern."

ZEIT : Was haben Sie ihm geantwortet?

Ziegler : Ich bin in die Luft gegangen. Ich war 14, das ist kein Alter, in dem du sagst: Alles, was ich vom Leben will, ist, mich fortpflanzen und Anwalt in Thun werden.

ZEIT: Mit 18 sind Sie nach Paris durchgebrannt.

Ziegler : Ich hatte mich sehr schlecht benommen, meinen Vater beleidigt. In Paris schlug ich mich durch und stapelte nachts in Les Halles Kisten. Irgendwann lernte ich marxistische Studenten kennen, die zu einer Gruppe um Jean-Paul Sartre gehörten. Er gab damals die Zeitschrift Les Temps Modernes heraus. Ich konnte mein Glück kaum fassen: Diese Zeitschrift war für mich so etwas wie das Wort Gottes, und sie ließen mich mitmachen. Ich war der Jüngste und durfte jeden Mittwoch zu Sartre in die Rue Bonaparte, wo er bei seiner Mutter wohnte.

ZEIT: Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Ziegler : Er war unglaublich freundschaftlich! Ein warmherziger, humorvoller Mann, der viele Fragen stellte und sehr gut zuhören konnte. Stellen Sie sich vor: Der große Sartre fragte mich kleinen Trottel aus! Aber manchmal kam es vor, dass er sich mitten im Satz wegdrehte und sagte: Maintenant je dois travailler . Jetzt muss ich arbeiten. Dann griff er seinen grünen Filzstift und fing an zu schreiben.

ZEIT : Bekehrte er Sie zum Marxismus?

Ziegler: Das musste er nicht. Ich war längst mit einem stahlfesten Glaubenssystem ausgestattet. Mit den anderen Studenten um Sartre unterstützte ich die algerische Befreiungsbewegung, machte Botendienste für die Leute im Untergrund, und alle zwei Monate gab ich an, meinen Pass verloren zu haben. Dann schickte mir die Schweizer Botschaft einen neuen, und den alten schenkte ich den Genossen. Was mich am meisten an Sartre beeindruckte, war seine Großzügigkeit. Auf seinem Kaminsims stand eine Vase, so eine kitschige, bürgerliche, vollgestopft mit Geldscheinen, und jeder durfte sich daraus bedienen. Sartre lebte, was er schrieb. Noch heute kann ich nicht nach Paris fahren, ohne sein Grab zu besuchen.

ZEIT : Was haben Sie ihm zu verdanken?

Ziegler: Absolut alles. Nach meinem Studium war ich für fast zwei Jahre als Uno-Mitarbeiter im Kongo. Nach meiner Rückkehr lud mich Sartre zu sich ein. Da er kaum etwas über die afrikanischen Unabhängigkeitskämpfe wusste, löcherte er mich mit Fragen, und am Ende sagte er: Das müssen Sie schreiben. So verfasste ich den ersten Artikel meines Lebens.

ZEIT: Und?

Ziegler : Als ich fertig war, redigierte ihn Simone de Beauvoir. Sie war eine strenge Frau. Bevor sie ihn an Les Temps Modernes weitergab, hatte sie noch meinen Vornamen gestrichen und durch Jean ersetzt. "Hans", sagte sie, "das ist doch kein Name!" Viel entscheidender aber war, dass Sartre mich nach meinem Aufenthalt im Kongo intellektuell wieder zusammenflickte. Ich war ja als leuchtender Ritter dorthin aufgebrochen. Aber dann traf ich auf die afrikanische Realität: Ich sah, wie Schwarze andere Schwarze abschlachteten, und gleichzeitig erlebte ich, wie Europäer unter widrigsten Umständen eine Leprastation unterhielten. Nichts in meinem Weltbild stimmte mehr. Nachdem ich dem Calvinismus meines Elternhauses abgeschworen hatte, war nun meine zweite Sozialisation zerschossen. Das war der Augenblick, in dem Sartres Existenzialismus mich befreite. Ich begriff: Der Mensch ist, was er tut. Nichts anderes.

ZEIT : Haben Sie neu angefangen?

Ziegler : Ich kehrte in die Schweiz zurück und stürzte mich in die Arbeit. Ich fand eine Stelle beim neu gegründeten Afrika-Institut in Genf, promovierte, erst in Jura, dann in Soziologie, habilitierte – und schnitt dann mit einer internationalen Arbeitsbrigade Zucker auf Kuba.

ZEIT : Dort lernten Sie Che Guevara kennen.

Ziegler : Die kubanischen Revolutionäre trafen sich regelmäßig in der Küche des Hotels, in dem ich wohnte. Che war damals Industrieminister, er plante, bald zu einer Zuckerkonferenz nach Genf zu reisen, und da sie dort keine Botschaft hatten, fragten seine Leute mich, ob ich ein Auto hätte. "Einen kleinen, schwarzen Morris", sagte ich, und dann wollten sie wissen, ob ich für zwölf Tage der Fahrer des Che sein könne.

ZEIT : Sie konnten?

Ziegler : Keine Frage. Ich holte ihn in Genf vom Bahnhof ab, fuhr ihn jeden Tag vom Hotel zur Konferenz, begleitete ihn abends zu Empfängen, und am freien Sonntag spazierten wir durch Chamonix. Wie ein Außerirdischer kam er mir in der Schweiz vor, in seiner Windjacke und auf dem Kopf das Barett mit Kommandantenstern. Er wirkte schüchtern, ironisch, aber man spürte gleich seine Autorität.

ZEIT: Haben Sie viel mit ihm gesprochen?

Ziegler: Ich habe es versucht, immer wieder: "Comandante, explícame..." Aber es langweilte ihn. Am letzten Abend seines Aufenthaltes habe ich mir dann ein Herz gefasst. Es gab Gerüchte, dass er plante, nach Afrika zu gehen, um dort zu kämpfen. Ich sagte: "Comandante, ich will mit Euch gehen."

ZEIT: Sie wollten zur Waffe greifen?

Ziegler : Aber ja!

ZEIT : Was hat Che Guevara Ihnen geantwortet?

Ziegler : Wir standen am Fenster seines Hotelzimmers, auf einem Hügel über Genf, und er deutete auf die Leuchtreklamen unten in der Stadt, auf all die Banken und die glitzernden Konzernfilialen. "Mein Freund", sagte er, "da bist du geboren. Dein Platz ist hier. Hier ist das Gehirn des Monsters, hier musst du kämpfen." Dann ließ er mich stehen. Ich war zutiefst beleidigt. Aber er hatte mich als das erkannt, was ich war: ein 25-jähriger Kleinbürger, der mit nichts schlechter umgehen konnte als mit einer Waffe. Ein Guerillakrieg wäre mein sicherer Tod gewesen.