ZEIT : Macht Ihnen ein solches Beispiel Hoffnung?

Ziegler : Auch wenn es diesmal gut ausging, die multilaterale Diplomatie ist am Ende. Total zusammengebrochen.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Ziegler : Anfang unseres Jahrtausends trafen sich 147 Staatschefs in New York, um ein Inventar der größten Tragödien zu erstellen, von denen die Welt heimgesucht wird: Hunger, Analphabetismus, verseuchtes Wasser, Kindersterblichkeit, HIV. Eigentlich eine Sternstunde der Vereinten Nationen, denn diese Probleme können ja nur gemeinsam gelöst werden. Man stellte also einen buchhalterisch klaren Fahrplan für die nächsten 15 Jahre auf, die sogenannten Millennium-Goals, aber was ist seitdem passiert? Nichts!

ZEIT : Warum geht nichts voran?

Ziegler: Wie oft habe ich mich das gefragt, wenn sich in all diesen Nachtsitzungen die Diplomaten gegenübersaßen, Arm und Reich, unfähig zum Minimalkonsens. Einmal ging es um eine Resolution für Darfur, Blauhelmtruppen, die einen humanitären Korridor zum Tschad einrichten sollten. Da ergriff die Koordinatorin der asiatischen Gruppe das Wort und sagte: Kommt nicht infrage! Die Dame heißt Sarala Fernando, eine hochintelligente Frau aus Sri Lanka. In einer Sitzungspause nahm ich sie beiseite, aber sie sagte nur: "Hast du gesehen, wer den Entwurf verfasst hat? Die Engländer. Du weißt, was sie uns angetan haben." Die alten Kolonialherren. Deshalb war sie dagegen. Deshalb geht das Massaker weiter. Verstehen Sie? Da ist ein tiefer Hass, der sich aus dem verwundeten Gedächtnis dieser Völker ableitet und politisches Bewusstsein wird.

ZEIT : Was bedeutet das?

Ziegler: Dass der Westen seinen Kredit verspielt hat. Der Süden glaubt ihm nicht mehr. Der Süden weiß, dass er entwaffnet werden soll. Dass die Ausbeuter jetzt nicht mehr im Kolonialherrenanzug in die Tropen jetten, sondern in Nadelstreifen, und er begehrt dagegen auf.

ZEIT: In Ihrem aktuellen Buch Der Hass auf den Westen schildern Sie ein bezeichnendes Aufeinandertreffen von Abdelasis Bouteflika, dem Präsidenten von Algerien, und Nicolas Sarkozy.

Ziegler: Die beiden trafen sich im Dezember 2007 in Algier, um Lieferverträge für Erdgas zu unterzeichnen. Alles lag fertig auf dem Tisch, als sich Bouteflika plötzlich erhebt und sagt: "Ich will eine Entschuldigung für Setif." In der Stadt Setif waren 1945 zigtausend Algerier abgeschlachtet worden, weil sie aufbegehrten gegen die französischen Kolonialherren. Daraufhin sagt Sarkozy den unglaublichen Satz: "Ich bin nicht der Nostalgie wegen gekommen." So steht es im Protokoll. Doch Bouteflika insistierte: "La mémoire avant les affaires." Das Gedächtnis vor den Geschäften. Die Verträge wurden nicht unterschrieben, bis heute nicht.

ZEIT : Allerdings haben langjährige Machthaber wie Bouteflika oft selbst Blut an den Händen.

Ziegler: Darüber kann man reden. Aber alles, was er verlangt, ist zunächst einmal ein Anerkennen dessen, was geschehen ist. Ich denke, es ist wie in zwischenmenschlichen Beziehungen. Einer muss sagen: Tut mir leid, die Kolonialmassaker, die Sklaverei, und an diesem Punkt kann dann ein Dialog beginnen. Erst dann kann der Westen mit dem Finger auf den Süden zeigen.

ZEIT: Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn alles stillzustehen scheint?

Ziegler: Ich halte es mit Victor Hugo: Ich hasse alle Kirchen, ich liebe die Menschen, ich glaube an Gott. Alle Verbrechen geschehen unter offenem Himmel. Es wird einen Aufstand des Gewissens geben. Ich beobachte das Entstehen einer neuen, planetarischen Zivilgesellschaft. Egal ob es um diese Proteste bei G-8-Gipfeln geht, um Atommülltransporte oder wie bei euch um diesen Stuttgarter Bahnhof: Es gibt wieder Leute, die nicht mehr nur tun, was man ihnen diktiert, die ihre Freiheit umsetzen in Widerstand.

ZEIT : Gibt es ein Ziel, das diese Menschen eint?

Ziegler : Sie wissen, was sie nicht wollen, und niemand kann voraussehen, was daraus entsteht. Was sie aus ihrer Freiheit machen, ist das große Mysterium der Geschichte. Kennen Sie diesen Vers von Whitman: He awoke at dawn and went into the rising sun...limping. Er erwachte am frühen Morgen und ging der aufgehenden Sonne entgegen... hinkend.

ZEIT: Darauf gründen Sie Ihre Hoffnung?

Ziegler : Als Revolutionär muss ich das Gras wachsen hören.