Drei gegrillte Auerochsen und eine Wildsau vermochten die steinzeitliche Festgemeinde nicht zu sättigen. Die Feldküchenmeister legten zusätzlich 71 Schildkröten auf die Holzkohle, um die schlemmenden Trauergäste zu verköstigen. Womöglich verdrückten die Feiernden auch noch die Filetstücke eines Steinadlers, eines Leoparden und zweier Marder.

Die abgenagten Knochen dieses großen Fressens fand man 12.000 Jahre später in der Höhle Hilazon Tachtit im Norden Israels. Aufgrund der Gebeinreste errechneten die Archäologin Leore Grosman von der Hebräischen Universität Jerusalem und ihre Kolleginnen eine Teilnehmerzahl von mindestens 35 Menschen. Die Mahlzeit muss ein gigantisches Gelage gewesen sein. Anhand der verputzten Kalorienmenge tippt Grosman auf eine Dauer von mehreren Tagen – damit wäre es ein würdiger Leichenschmaus für jene Schamanin gewesen, deren Grab die Archäologen zwischen all den Essensresten fanden. Sie muss im Rahmen der Zusammenkunft bestattet worden sein.

Die erst im August dieses Jahres inventarisierten Überreste gelten als ältester konkreter Beleg für eine festliche Zusammenkunft von Menschen. Für viele Archäologen ist der fossile Orgienmüll Teil einer Spur, die noch viel weiter in die Vergangenheit zurückreicht. Er ist ein Beweis dafür, dass Homo sapiens – anders als viele Forscher behaupteten – längst in Feierlaune war, als er sich sesshaft machte. Es bedurfte nicht erst der Erfindung von Landwirtschaft, Hausbau und Erntedank, damit Menschen sich in großer Zahl zu Speis, Trank, Tanzmusik und Drogen versammeln konnten.

Denn warum sollte diese experimentierfreudige Hominidenart, deren Vorfahr Homo erectus bereits vor einer Million Jahren das Grillen und vor 400.000 Jahren das Schnitzereihandwerk erfunden hatte und die selbst vor 100.000 Jahren den ersten Schmuck konzipiert, sich vor 50.000 Jahren zum bildenden Künstler gemausert hatte, ausgerechnet die vergnüglichsten Elemente gesellschaftlichen Fortschritts verschmäht haben?

Nein, die kargen Funde aus jener frühen Zeit fügen sich zu einem anderen Bild: Partystimmung hat sich schon lange vor dem Schildkröten-Leichenschmaus von Hilazon Tachtit über den Planeten verbreitet.

Dafür gibt es genügend Hinweise. Zum Beispiel die berühmten "Tanzenden Frauen von Gönnersdorf". Am Mittelrhein, im Westen der Stadt Neuwied, wurden Schieferplättchen mit Gravuren gefunden. Eines zeigt vier jungsteinzeitliche Frauen in Formation. Ein Tanz? "Die haben bestimmt gefeiert", gibt sich der Koblenzer Landesarchäologe Axel von Berg überzeugt. Der Mannheimer Paläontologe Wilfried Rosendahl glaubt gar, dass man sich auch unseren steinzeitlichen Verwandten, den Neandertaler, als launigen Gesellen vorstellen muss: Seinen Feierabend dürfte dieser nicht nur mit grimmiger Miene begangen haben, zumal nicht, wenn das Tagewerk von Jagderfolg gekrönt war. "Aufgrund seiner Fähigkeiten", argumentiert Rosendahl, "war er in der Lage, solche Highlights im ›Berufsleben‹ zu feiern; ich bin sicher, dass er das auch getan hat."