Keine Steuererhöhungen, das hatte Nicolas Sarkozy den Franzosen versprochen. Doch das neue Jahr beginnt mit zusätzlichen Belastungen. Der Steuerabzug für Sozialleistungen, die an Putzfrauen, Kindermädchen und andere Beschäftigte im Haushalt gezahlt werden, fällt von Januar an weg, ebenso entfallen Steuervorteile für Hochzeitspaare und für Wohnungsbesitzer; die Steuerprogression wird verschärft, und die Mehrwertsteuer für sogenannte Triple-Play-Pakete (Internet, Telefon, Fernsehen) wird von 5,5 auf 19,6 Prozent angehoben.

Gewiss, rein technisch gesehen, sind das keine Steuererhöhungen. Und für die explodierenden lokalen Abgaben ist die Regierung nur indirekt verantwortlich: Sie verringert den Geldfluss an die Gemeinden, und die holen sich die Differenz beim Bürger. Der freilich ist nicht blöd und registriert die tiefe Kluft zwischen Regierungspropaganda und Alltagswirklichkeit.

Gleichwohl will Frankreichs Präsident ein noch größeres Risiko eingehen. Er plant eine Steuerreform . Und er will ausgerechnet die zwei umstrittensten Themen anpacken, die Vermögensteuer und den bouclier fiscal, die Steuerobergrenze.

Wohl kaum eine Maßnahme der frisch gewählten Regierung Sarkozy hatte 2007 die Nation so sehr aufgeregt wie die Verringerung dieser Obergrenze von 60 auf 50 Prozent des Einkommens. Der Plafond kommt lediglich einer kleinen Schar von Steuerbürgern zugute, die aus zwei Gruppen besteht. Rund 8300 Haushalte, die zwar ein bescheidenes Vermögen haben, aber kaum etwas verdienen, bekommen jährlich annähernd fünf Millionen Euro zurück; daneben stehen etwa 750 schwerreiche Haushalte, die sich Jahr für Jahr über rund 300 Millionen Euro Steuerrückzahlungen freuen dürfen.

Die fetten Schecks für die reichen Familien kommen im Land der Égalité nicht besonders gut an und festigen den Ruf des Präsidenten, der Kommis der Begüterten zu sein. Überdies hatte Sarkozy die Ungeschicklichkeit zu behaupten, dass die deutschen Nachbarn einen 50-Prozent-Plafond in ihre Verfassung geschrieben hätten. Der Präsident beruft sich gern auf Deutschland, dessen überlegene Wirtschaftskraft in Frankreich mit einer gewissen Angstlust betrachtet wird. Bald freilich sprach sich herum, dass das deutsche Grundgesetz gar keinen Steuerplafond vorsieht und auch dass das Bundesverfassungsgericht diesen sogenannten Halbteilungsgrundsatz seit Jahren nicht mehr als verfassungsrechtlich zwingend ansieht. Und wieder steht der Präsident mit einer langen Nase da.

Die Unzufriedenheit der Franzosen mit dem bouclier fiscal erreichte nach dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise die Regierungsmehrheit im Parlament. Etliche Abgeordnete machen sich Sorgen um ihre Wiederwahl 2012, im selben Jahr, in dem auch der Präsident gewählt wird. In den vergangenen Monaten wurde der Druck dermaßen groß, dass sich die Sarkozysten zu einer Kursänderung bereitfanden. Sie können den Plafond freilich nicht ersatzlos streichen, ohne das Problem anzupacken, das ihm zugrunde liegt: die Vermögensteuer. Sie kann im Verein mit anderen Steuern durchaus bis zur Konfiszierung des Eigentums gehen, wenn es keinen Schutzschild (französisch: bouclier) gibt.

Gut 562.000 Haushalte, die jeweils über mehr als 790.000 Euro verfügen, entrichten diese "Solidaritätssteuer auf das Vermögen". Schon der Name deutet darauf hin, wie sehr sie ein Politikum ist. Und tatsächlich kam und ging die Steuer mit den wechselnden Regierungsmehrheiten. Unter dem Sozialisten François Mitterrand 1982 eingeführt, hieß sie zunächst "Steuer auf Großvermögen"; auf ihre Abschaffung 1987 folgte die Wiedereinführung 1989.