So leise ist selten eine große Reform in Kraft getreten wie die Gesundheitsreform der schwarz-gelben Koalition . Dabei gibt es sogar einen Song zum Projekt, ähnlich wie es manchmal eine Melodie zum Film gibt. Der Titel ist gespeichert auf dem iPod von Philipp Rösler. "Je dunkler die Nacht, desto heller der Morgen", heißt es da. "Je tiefer der Fall, desto höher der Flug." Tröstliche Sätze von Udo Jürgens, Passagen aus dem Lieblingsstück des Gesundheitsministers mit dem Titel Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient .

Rösler hat das Lied oft gehört während des vergangenen Jahres, das zu Beginn vielfach als "Jahr der Gesundheitspolitik" ausgerufen wurde – und das vermutlich kein anderes Kabinettsmitglied so gebeutelt hat wie ihn.

Es gibt noch ein zweites Lied zur Reform, die Melodie zum Vorfilm sozusagen. Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht , gesungen von Drafi Deutscher. Eine CD mit diesem Song steht seit fünf Jahren bei Horst Seehofer im Regal – ein Versöhnungsgeschenk Angela Merkels anlässlich eines Besuchs im Wahlkreis des CSU-Chefs. Die beiden hatten sich überworfen wegen Angela Merkels Reformideen für das Gesundheitswesen – so sehr, dass Seehofer, damals Merkels Stellvertreter in der Bundestagsfraktion, zeitweise alle politischen Ämter demonstrativ niederlegte.

Am Wochenende tritt, nach Jahren des Streits, die erste schwarz-gelbe Sozialreform in Kraft – und kaum jemand wird es merken. Das ist Absicht: Niemand soll erschrecken. Ende Januar wird sich die Reform auf den Januar-Gehaltsabrechnungen niederschlagen, allerdings so, wie es die Deutschen seit Längerem von Gesundheitsreformen gewohnt sind: Die Kassenbeiträge steigen ein wenig .

Erst ab 2012 dürfte den Bürgern allmählich klar werden, dass die Regierung Merkel das mehr als hundertjährige Krankenversicherungssystem tatsächlich entscheidend verändert hat. Dann werden die pauschalen Gesundheitsprämien steigen, jene Zusatzbeiträge, die nicht vom Einkommen der Bürger abhängen und allmählich einen immer größeren Teil des Gesundheitswesens finanzieren sollen.

Vor allem Geringverdiener werden das spüren. Und so behutsam das neue Finanzierungsmodell eingeführt wird, so schwer wird es sein, daran noch etwas zu ändern. "Von Jahr zu Jahr wird es schwieriger, aus diesem System herauszukommen", sagt Rösler.

Von Gerhard Schröders Agenda-Reformen heißt es häufig, die Regierung habe zu wenig und zu spät erklärt, wohin sie wolle. Bei Angela Merkel und dem Umbau des Gesundheitssystems war es anders: Mal war die Politik laut und pathetisch, dann wieder, wie jetzt, sehr leise. In ihren Oppositionsjahren wollte Merkel eine gesundheitspolitische "Jahrhundertreform". Im Wahljahr 2009 hat sie zur geplanten Prämie, die früher einmal Kopfpauschale hieß, komplett geschwiegen.

Nach der Wahl brachte die Kanzlerin das Thema doch in die Koalitionsverhandlungen ein, obwohl nicht einmal die reformfreudige FDP es wirklich wichtig fand. Die CSU und auch ein Teil der CDU waren überrumpelt. Seehofer, der von Merkels gesundheitspolitischen Vorstellungen immer noch nichts hielt, opponierte gegen den FDP-Minister Rösler, der sie nun umsetzen sollte. Vertreter der Parteien pöbelten einander an: "Wildsau", "Gurkentruppe". Dann mussten wieder alle schweigen wegen der bevorstehenden Landtagswahl in NRW. Wenn Merkels Gesundheitspolitik vertont würde, klänge sie wie ein permanenter Soundcheck: mal Krach, dann wieder Stille.