An dem Ort sieht man – nichts. Man müsse sich unbedingt diese Ecke Fifth Avenue und 128. Straße ansehen, hatte Doctorow gemailt, dort, wo das Haus der Brüder Homer und Langley Collyer stand, in dem sich die Helden seines neuen Buches verschanzt hatten, die Super-Messies, die zur Legende gewordenen Müllsammler. Aber da ist nur umzäunte Leere. Verschwunden die zur Beletage hochführende Treppe, weg die vierstöckige Fassade mit den hohen Fenstern, die man auf den Zeitungsfotos von 1947 sieht, zu Fall gebracht von der Abrissbirne, ausradiert der Schandfleck, vor dem sich damals die Menschenmenge staute, als die beiden Toten herausgetragen wurden.

Dann der Müll. Fahrräder, kaputte Kühlschränke, verbogene Regenschirme. Lampengestelle, die Zeitungen eines halben Jahrhunderts. Natürlich der legendäre Ford Model T, der im Esszimmer stand. Munitionskisten, Camouflage-Klamotten. Tonnen von Müll, verdichtet in einem einzigen Haus und dann schnell aus den Augen geschafft, sodass von der Zumutung nichts mehr bleibt als einige zerzauste Büsche, eine grün-glitschige Bank und ein Schild am Zaun: Collyer Brothers Park.

Hier ist so sehr nichts, dass man mitten auf der Straße laufen kann, mitten in Harlem. Man könne dabei natürlich das Buch unter dem Arm tragen, in dem E. L. Doctorow Leben und Müll von Homer & Langley wiederaufleben lässt. Doctorow, der am 6. Januar 80 Jahre alt sein wird und in diesem Buch einen irritierenden Blick auf das letzte Jahrhundert wirft.

DIE ZEIT : Ihr Roman ist wie Kammermusik. Ein Stück in Moll. Schmal, konzentriert.

E. L. Doctorow: Weil es um die Erinnerungen eines Blinden geht. (kichernd) Es ist ein echtes Schwarzbuch.

ZEIT: Sie rühren, wie schon oft, an ein dunkles Thema. Eines, das alle vergessen wollen.

Doctorow : Der erste Satz heißt: "Ich bin Homer, der blinde Bruder." Der Rest ist dann unausweichlich.

ZEIT : Sie hätten auch die Stimme des Bruders Langley wählen können. Veteran des Ersten Weltkriegs. Es wäre eine vor Empörung vibrierende Stimme gewesen. Langley hasse die Zumutung, Mensch zu sein, heißt es.

Doctorow: Langley wird von Homer dargestellt, ich finde, Homer macht das gut. Es passiert mir immer wieder, dass sich ein Buch aus einem Satz entwickelt. Ich schreibe, um herauszufinden, was hinter dem Satz steht.

ZEIT: Was wollten Sie über diese Brüder herausfinden? Was wussten Sie schon?

Doctorow : Die Brüder sind ein Mythos. Früher schrien Mütter: "Ihr seid doch nicht die Collyer Brothers!", wenn sie ins Kinderzimmer kamen. Ich erinnere mich, dass ich in der Zeitung las, auf dem Abbruchgelände solle ein Park eingerichtet werden und die Leute protestierten. Sie wollten nicht mit diesen Messies in Verbindung gebracht werden. Das hat mich gereizt. Warum führten die Brüder dieses zurückgezogene Leben? Sie kamen aus einer wohlhabenden Familie. Ihr Vater schulterte jeden Morgen sein Kanu und ging zum Harlem River und paddelte hinüber nach Roosevelt Island, wo er als Arzt arbeitete. Seine Kinder beschlossen auszusteigen. Diese Emigration führte ins Haus ihrer Kindheit. Das Haus habe ich verschoben, zum Central Park. Warum, habe ich erst am Ende des Buches verstanden.

Am Ende des Buches trifft Homer im Park eine französische Reporterin, sie ermutigt ihn, dieses extreme Leben aufzuschreiben, wodurch das Buch Homer & Langley entsteht, dessen Autor in seinem Apartment in Manhattan empfängt. Eine wirkliche Mittellage. Ein paar Blocks nach Westen, und man würde in der Menge stecken, die die Fifth Avenue in Richtung Shopping flutet. Ein paar Straßen nach Osten, und man stünde am Ufer des East River, der im Rhythmus der Tide gefährlich strudelt. Dies aber ist eine ruhige Wohnstraße. Ein Haus aus Klinkern, ohne die Jugendstilgestik der Nachbarhäuser. Doctorow wohnt etwa in der Mitte einer Nordsüdlinie, die vom East Village, wo seine Großeltern, Juden aus Russland, einst landeten, bis zur Bronx im Norden führt, wo Doctorow aufwuchs, als Kind eines arrivierten Musikhändlers. Man fährt zu Doctorow in einem rumpelnden Lift aus Holz.

Der Autor steht in der Diele, auf einem goldbronzenen Stern im Terrazzoboden. Er trägt Shetland-Pullover über kariertem Hemd, ein ordentlich angezogener Junge. Das schmale Gesicht läuft aus in ein pointiertes Kinn, die Haut darüber ist eine elfenbeinfarbene marmorierte dünne Membran. Um uns herum wehen Bambusbüsche auf grün schattierter Tapete, Vögel zwitschern darauf, Schmetterlinge leuchten, man blickt durch diesen Hain der Chinoiserie in ein Zimmer, in dem Stühle um einen Tisch aus dunkel poliertem Holz stehen, es ist, als blicke man in die Kindheit der Brüder Collyer hinein, in der die schöne Mama im Esszimmer die Champagnergläser reichte.

ZEIT: Die Umrisse dieses Romans sind historisch. Zugleich wirkt alles symbolhaft. Zwei Verrückte sammeln das Strandgut einer Ära, die noch verrückter ist als sie.

Doctorow: Ich sehe die beiden als Kuratoren einer Sammlung von Dingen...