Große Geschichte wird bisweilen an den unmöglichsten Orten geschrieben. Auch an den kleinsten. Dieser Ort jedenfalls war gerade einmal elf Meter lang und drei Meter breit und gewiss nicht zum Schauplatz denkwürdiger Ereignisse prädestiniert. Eigentlich handelte es sich nur um eine schmale Tordurchfahrt inmitten der Düsseldorfer Altstadt. Doch der noch recht junge Maler Konrad Fischer, der seine poppigen Bilder bis dahin mit dem Namen Konrad Lueg signiert hatte, machte aus dieser Durchfahrt einen schmalen Raum, indem er an den Stirnseiten Glaswände einzog. Das war im denkwürdigen Sommer 1967.

Ein paar Wochen später eröffnete er hier eine neue Kunstgalerie mit der ersten aus jener dann langen und legendären Reihe von Ausstellungen bei Konrad Fischer. Sie war dem damals noch so gut wie unbekannten amerikanischen Künstler Carl André gewidmet, und sie sollte aus dieser an sich unmöglichen Tordurchfahrt an der Neubrückstraße 12 schlagartig einen Hauptschauplatz der neuesten und erregendsten Kunst machen, nicht nur in Düsseldorf, sondern in ganz Europa. Selbst aus dem großen New York richtete man bald die interessierten Augen auf diesen winzigen Ort, der in den nächsten Jahren so etwas wie den "kunstgeschichtlichen Nabel der Welt" (Thomas Kellein) repräsentierte.

Im Museum Kurhaus Kleve ist nun, neben rund 200 Werken aus der seit damals entstandenen Privatsammlung Konrad Fischers und seiner Frau, auch dieser geschichtsträchtige Raum gegenwärtig. Zumindest werden hier seine geradezu minimalistischen Ausmaße zur Grundlage zweier ins Museum eingebauter Kompartimente, in denen der Besucher eine Ahnung von der eigentlichen Nichtigkeit dieses Orts bekommt und versteht, wie virtuos zwei der ersten von Fischer nach Düsseldorf geholten Künstler ihn instrumentalisierten.

So kann man in einer dieser Galerie-Attrappen Richard Longs Sculpture for Konrad Fischer sehen, die er 1968 für die Galerie entwickelte, bei seiner allerersten Einzelausstellung. Sie besteht aus längsseits auf dem Boden gruppierten Weidenruten, die einen perspektivischen Zug in die Tiefe suggerieren, einen Hauch von Unendlichkeit. In der anderen figuriert Bruce Naumans Six Sound Problems for Konrad Fischer. Diese ziemlich anstrengende, den ganzen Raum durchpulsende Toninstallation – sie wurde ebenfalls 1968 für eine Ausstellung "bei Fischer" geschaffen – besteht aus einer Suite von Geräuschen, die Nauman in der Galerie aufnahm. Eine derart "irre" Sache, so formulierte es Harald Szeemann einmal, sei "damals nur bei Conny möglich" gewesen. Konrad Fischer, der sich eher als "Agent" verstand denn als Galerist, war nicht nur die erste Anlaufstelle für das Unbekannte, das Ungesehene aus der großen Welt der zeitgenössischen Kunst. Er war auch für das Unsichtbare zuständig. Er stellte Experimente aus. Er handelte mit Vorstellungen.

Erstmals lässt sich jetzt die eher beiläufig und unsystematisch, neben und aus der Galeriearbeit entstandene Sammlung des epochalen Impresarios in ihrer Spannbreite und – beträchtlichen – Qualität überblicken. Dass sie um die gleichen Pole kreist, um die gleichen Ideen, Künstler und Attitüden, die auch in den Ausstellungen bei Konrad Fischer vorgestellt und dann in die Diskurse wie in die Museen und Privatsammlungen geschleust wurden, macht sie nur umso reizvoller.

Die Minimal Art und die Konzeptkunst, die Land-Art und die Arte Povera nehmen auch hier den Mittelpunkt ein; Künstler wie Carl André und On Kawara, Richard Long und Sol LeWitt, Lawrence Weiner und Daniel Buren, Mario Merz und Bruce Nauman sind jeweils mit größeren, auch gewichtigen Werkkomplexen vertreten. Die glänzend kuratierte Schau wird abgerundet durch mehrere Kostproben aus dem abrupt endenden künstlerischen Œuvre Fischers und zahlreichen Dokumenten aus seinem Privatarchiv. Ihren Höhepunkt findet sie in der Arbeit Wolke&Kristall/Blei Leib Leid Lied, die Carl André 1996 in Düsseldorf schuf, als Hommage an den soeben verstorbenen Freund und Galeristen. Und sie endet dort, wo die Galerie einst begann, in der Zwischenwelt eines seltsamen Orts: Im "Raum für einen Tag", den Gregor Schneider, die letzte große Entdeckung des Galeristen Fischer, eingerichtet hat. Nicht um Geschichte zu schreiben, sondern um sie restlos auszulöschen.

Die Ausstellung "Von Carl André bis Gregor Schneider. Dorothee und Konrad Fischer: Archiv einer Haltung" ist bis zum 20. 3. 2011 im Museum Kurhaus Kleve zu sehen. Informationen unter www.museumkurhaus.de. Der vorzügliche Katalog kostet im Museum 39 Euro