Anno 1991 zeigte das Hamburger Sammlerehepaar Carl und Carin Vogel seinen Kunstbesitz in einer Überblicksausstellung – zum ersten und zum letzten Mal. Titel der spektakulären Schau: Das gesprengte Kupferstichkabinett. Aus Raumnot war vieles nur roh auf Paletten gestapelt. Im fliegenden Wechsel wurden über zwei Monate hin rund 10000 Blätter in der großen Hamburger Deichtorhalle ausgebreitet, auch die "Tranche Janssen solo" war darunter. "Wer ein geeignetes Gehäuse zur Verfügung stellt, kann alles geschenkt bekommen", versprach das Ausstellungsplakat. Am Ende mussten die Oldenburger dann allerdings doch 1,5 Millionen Mark ausgeben. Dafür aber bekamen sie 1800 Blätter von Horst Janssen (1929 bis 1995). Heute bilden diese den Kern der Sammlung des vor zehn Jahren eröffneten Horst-Janssen-Museums.

Carl Vogel gehörte zu den Entdeckern Janssens. Die ersten Blätter, die er in den späten Vierzigern von ihm sammelte, sind Studienarbeiten. Vogel, der 2006 starb, erzählte gern die Geschichte, wie die beiden sich zum ersten Mal begegneten: Er habe damals in einer Hamburger Galerie einen etwas blässlich-qualligen jungen Mann bemerkt, der ihn misstrauisch beäugte und dann – ohne zu grüßen – hinter einer Tür verschwand. Umgekehrt wunderte sich Janssen über den "komischen Typen mit Lodenmantel und Fahrradklammern", der im Vorzimmer herumlungere, wer das denn sei, wohl ein Exnazi? Erst der Galerist machte die beiden bekannt, und es entstand eine große, lange Freundschaft. Carl Vogel begleitete das Schaffen des Zeichners und Kupferstechers bis in die sechziger Jahre. Dabei ist ein in seiner Geschlossenheit einzigartiges Konvolut des frühen und mittleren Werks Janssens zusammengekommen. Heute befindet es sich in "seinem" Museum in Oldenburg.

Natürlich überwiegen auch hier – wie in den Hamburger Beständen – die Selbstbildnisse, in den allermeisten Fällen sind es Radierungen, Janssens Markenzeichen. Doch daneben lassen sich auch die seltenen Lithografien mit ganz anderen Themen studieren. Und als ganz besondere Spezialität gibt es nur hier die frühen, seltsamen Holzschnitte zu entdecken.

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Das Frühwerk Janssens hält selbst für den Janssen-Kenner noch Überraschungen bereit. Der "Millionenstrichler", wie er sich damals nannte, verwandelte noch nicht jedes Stück Welt in ein Stück Janssen. Erstaunlich, wie zeitgebunden er in den fünfziger Jahren noch war. Von den über hundert prächtigen, großflächigen Farbholzschnitten jener Jahre erinnern manche an Willi Baumeister oder Clyfford Still, wenn sie auch samt und sonders figürlich bleiben, also Menschen, Tiere oder Pflanzliches abbilden. Janssens "Kritzelphase" war sichtlich von der Art brut inspiriert. Dieser verdankt er das Skurrile und Anzügliche seines Œuvres, etwa die erotischen "Fleischzeichnungen", mit denen er Ende der fünfziger Jahre in Hamburg Furore machte. Eigenwillig und enigmatisch, gehören diese nicht immer leicht zugänglichen Werke der Frühphase zu den stilleren Arbeiten des sonst notorisch polternden, provozierenden Künstlers.

Horst Janssen kokettierte gern damit, das Erbe der großen Grafikmeister der Kunstgeschichte – wie Dürer, Rembrandt oder Jacques Callot – persönlich angetreten zu haben. Von dieser Mischung aus genialer Selbstüberschätzung und hellsichtiger, antimoderner Eigenwilligkeit kann sich ein jeder im Horst-Janssen-Museum selbst überzeugen, in regelmäßig wechselnden, ausgewählten Ausstellungen, aber auch in Bibliothek und Archiv. Dort kann man sich sämtliche Zeichnungen und Aquarelle, Radierzyklen und Holzschnitte, Lithos und Plakate, illustrierte Briefe und Postkarten und andere Autografen aus der Sammlung vorlegen lassen. In den vergangenen Jahren konnte übrigens die Vogel-Kollektion durch den Bestand der Oldenburger Hüppe-Stiftung erweitert werden, hinzu kam auch der Nachlass von Birgit Jakobsen, mit der Janssen in den Siebzigern ein Verhältnis hatte.

Das im Herbst 2000 eröffnete Horst-Janssen-Museum befindet sich, fünf Fußminuten vom Bahnhof entfernt, direkt neben dem Stadtmuseum. Die Architekten Reinig, Dreyer und Deters haben gottlob auf große architektonische Gesten verzichtet. Gedämpftes Tageslicht, ruhige, hell verputzte Wände und horizontale Glasbänder sorgen für die einem Grafikmuseum angemessene kammermusikalische Zurückhaltung, deren sich der Hausheilige nicht immer befleißigte. Als er sich 1966 von seinem Sammler Vogel trennte, erlaubte er ihm großzügig, beliebig viele Abzüge von seinen Druckplatten zu machen. Janssens Begründung: Vermutlich hätten Hans Holbein und Erasmus von Rotterdam das ähnlich gehalten! Vogel hingegen mochte es bescheidener: "Von diesem verbrieften Recht habe ich auch nicht einmal Gebrauch gemacht."

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