Worauf ich hoffe

"Meine sehr verehrten Damen und gewissermaßen sehr verehrten Herren. Mir wurde der Vorschlag gemacht, ich solle hier für wohltätige Zwecke einen populären Vortrag halten. Nun gut. Wenn’s ein Vortrag sein soll, dann eben ein Vortrag. Ich bin kein Professor und weit davon entfernt, einen wissenschaftlichen Grad zu besitzen, aber nichtsdestoweniger arbeite ich nun schon dreißig Jahre lang unaufhörlich, ja zum Schaden meiner eigenen Gesundheit. Ich denke nach, und manchmal schreibe ich sogar, stellen Sie sich das vor."

Mit diesen Worten beginnt Anton Tschechows Einakter Über die Schädlichkeit des Tabaks . Ich wähle den alten Tschechow für meine heutige Ansprache, weil ich annehme, dass Sie mit derlei rechnen: Ein älterer Herr hält eine Neujahrsrede an die Jüngeren – was haben Sie da anderes zu erwarten, als sogenannte gute Ratschläge, peinigend und nervtötend?

Ja, die älteren Herrschaften versuchen unentwegt, Sie zu belehren. Und wenn Sie vor Jahren noch von der unendlichen Weisheit und Allmacht Ihrer Eltern und Lehrer überzeugt waren, so haben sich doch in den letzten Jahren einige Zweifel eingeschlichen, und Sie ziehen es zunehmend vor, sich auf Ihre eigene Generation zu orientieren und lieber mit den Altersgenossen über die Welt zu diskutieren, anstatt sich weiterhin die fertigen und unveränderbaren Ansichten der ergrauten Vorfahren anzuhören.

Die Stunden mit den älteren Herrschaften werden notgedrungen erduldet, und Sie hören nur mit halbem Ohr hin, zumal in beiden Ohren die headphones Ihres MP3-Players stecken, eines Gerätes, dessen Handhabung Sie Ihrem Vater schon mehrfach und immer wieder vergeblich erklärt haben. Doch falls Sie es nicht schon längst wussten, so darf ich Sie auf einen Parallelismus verweisen: Uns, den Älteren, geht es mit Ihnen ebenso.

Eigentlich sind wir zutiefst davon überzeugt, dass Ihre Generation wenig taugt, dass Sie nicht zu schätzen wissen, was Sie von uns ererben werden, dass Sie verspielen, vergeuden, verludern, was wir hart erarbeiteten. Und vor allem: dass Sie unsere Werte nicht zu schätzen wissen.

Das alles ist nichts Neues unter der Sonne: Die Generationen stehen sich seit Generationen missbilligend gegenüber. Ich muss Ihnen gestehen, ich spreche voller Beklemmung zu Ihnen, mit Scheu. Denn was kann ich Ihnen sagen, was Sie nicht schon längst wissen? Und von dem, was Sie vielleicht nicht wissen, was davon interessiert Sie?

Nichts, vermute ich. Sie lesen diesen Aufsatz ja nur, weil es die Tradition der Neujahrsreden gibt. Ich vermute, wenn schon ein älterer Herr zu Ihnen sprechen soll, dann würden Sie doch Mick Jagger vorziehen. Und jetzt haben Sie eigentlich auch keine Zeit. Das Studium wartet, oder Sie wollen Karriere machen. In den nächsten Jahren werden Sie an so etwas Rührseligem wie einer Neujahrsansprache kein Interesse haben.

Aber vielleicht in fünf Jahrzehnten. Dann werden Sie älter sein, als ich es heute bin. Und wenn ich dann auch nicht mehr unter Ihnen sein kann, bin ich an Ihrem Leben durchaus interessiert.

Was werden Sie anders machen als die Generationen vor Ihnen? Ich hoffe doch, dass Sie eine Zuversicht auf Erneuerung, auf grundsätzliche Reformen haben. Denn in so gutem Zustand übergeben wir Ihnen die Welt nicht, dass Sie diese fraglos weiterführen dürften. Oder werden auch Sie all Ihre Kraft aufwenden, um die Schönheit und den Reichtum dieser Welt in möglichst viel Papiergeld zu verwandeln? In ein Paket von Wertpapieren, das durch einen Börsencrash, eine Finanzkrise, im Handumdrehen zu einem Müllhaufen wird? Dieser Müll ist das Monument eines verfehlten Lebens, ein Memento vergeudeter Hoffnungen.

Wir Älteren lieben das Geld mehr als unsere Kinder

Werden Sie, anders als wir, begriffen haben, dass unser Leben vergänglich ist? Dass es auf dieser Erde eigentlich unsere Aufgabe ist, an einem Haus zu bauen, das nicht allein für uns nutzvoll ist, sondern auch Menschen Schutz gibt, die wir nicht kennen, weil sie noch gar nicht geboren sind? Oder werden Sie wie wir nur an einem Häuschen für sich selbst bauen, dem sprichwörtlichen Häusle, kostengünstig, mit guten Abschreibemöglichkeiten, um unser Allerheiligstes, unser Bankkonto, nicht allzu sehr zu strapazieren?

Über dem Eingang der großen Paläste und Bürgerhäuser findet sich häufig ein Sinnspruch. Über den Eingangstüren unserer Häuschen aber steht unsichtbar auch ein kurzer Glaubenssatz, und es ist überall der gleiche: Nach mir die Sintflut.

Denn wenn nicht für die künftigen Generationen gebaut wird, so wird ein ganz anderer, verdrängter, unerwünschter Gast einziehen. Dann gilt, was die Spanier sagen: Wenn das Haus fertig ist, zieht der Tod ein. Doch wir, die Generationen vor Ihnen, haben das nicht begriffen. Unsere Götter heißen Effizienz, Wirtschaftlichkeit, Rendite, und für diese Götter sind wir bereit, unsere Welt zu zerstören. Die letzte menschliche Gesellschaft, die auf dieser Erde lebte, ohne sie zu schädigen, das waren die Jäger und Sammler. Alle nachfolgenden Gesellschaften haben an der Auslöschung gearbeitet. Es wurde von Jahrtausend zu Jahrtausend immer effektiver und damit schlimmer, immer perfekter und damit auswegloser.

Das 19. Jahrhundert war grandios in seinem technischen Fortschritt und seiner Zerstörungseuphorie und wurde dennoch vom 20. Jahrhundert mühelos in den Schatten gestellt. Besonders gefährdet ist eine bestimmte Spezies, der Mensch. Aber da jede Woche zweihundert Arten aussterben, wäre sein Verschwinden aus der Sicht Gottes oder des Weltalls nur allzu gerecht.

Nach mir die Sintflut, heißt unser Glaubenssatz, und wie es scheint, kommt diese nun auch. Seit einigen Jahren schmelzen die Polkappen, wird die Eiswüste zu Wasser, lösen sich Gletscher auf. Polarer Meeresboden ist nicht mehr durch ein jahrtausendealtes Eis verborgen, sondern erreichbar. Die Wissenschaft macht Zeitangaben, allerdings könnte sich der Wandel auch erheblich beschleunigen, sich wie eine rollende Lawine in seiner alles vernichtenden Energie potenzieren.

Steigt der Wasserspiegel der Weltmeere um fünf Zentimeter, könnte der Golfstrom kippen, Europa würde das gemäßigte kontinentale Seeklima einbüßen, wir müssten plötzlich in einem extremen Klima leben. Kriege würden entfesselt um bewohnbares Land, um Trinkwasser, um Getreide.

Als wir die fürchterlichen Prognosen der Wissenschaftler zum ersten Mal hörten, waren wir fast erschrocken. Für einen Moment sagten wir uns, diese Katastrophe müssen wir aufhalten. Doch am Tag danach kam die für uns viel entsetzlichere Meldung, dass unser Geld plötzlich weniger wert war als noch am Tag zuvor, dass unsere Immobilien unverkäuflich sind und unsere Wertpapiere ins Bodenlose fallen. Da war die drohende Vernichtung unserer Erde vergessen.

Fast vergessen, um genau zu sein, denn es gab eine spektakuläre Aktion. Ein einziges Land reagierte auf das schmelzende Eis. Dieses Land, an den Nordpol grenzend, schickte ein U-Boot aus, um auf dem vom Eis befreiten Meeresboden eine metallene Fahne mit den Landesfarben aufzustellen und damit den Anspruch auf Bodenschätze anzumelden. Seitdem weiß ich, was die Menschheit tun wird, falls diese Welt untergeht. Sie wird im Moment des Untergangs die Senderechte für das Ereignis meistbietend verkaufen, um sterbend einen letzten glücklichen Moment zu erleben.

Offenbar, um mit Arno Schmidt zu sprechen, offenbar ist die halbe Menschheit irre und die andere nicht ganz bei Groschen. Und noch eine zweite Reaktion gab es. Wissenschaftler wurden gegen Wissenschaftler aufgeboten, um die Gefahren kleinzureden. Sie sprachen von Hysterie, schließlich habe es schon immer klimatische Veränderungen gegeben, die Natur werde sich selbst regenerieren, den Kassandrarufen der Pessimisten zum Trotz.

Diese beruhigenden Worte haben allerdings einen absurden Beigeschmack. Denn wenn mir Gefahr droht, sollte ich dann nicht alarmiert sein? Wäre es nicht ratsam, vielleicht etwas zu viel gegen eine mögliche Gefahr zu tun als ein Tödliches zu wenig? Wenn Sie sich auf einer Straße befinden, auf der Ihnen mit hoher Geschwindigkeit ein Fahrzeug entgegenkommt, und wenn dann ein Fachmann Ihnen beweist, dass die Bremsen jenes Fahrzeugs schadhaft seien, und ein anderer Fachmann sagt das genaue Gegenteil – was würden Sie tun? Bleiben Sie auf der Straße und warten ab, welche Prognose der beiden Sachverständigen sich als korrekt erweist? Oder treffen Sie Vorkehrungen zu Ihrer eigenen Sicherheit?

Die vorsorgliche Rettung der Welt würde dem menschlichen Leben in jedem Fall nutzen. Jedoch würde es etwas von unserem Allerheiligsten kosten: Geld. Und daher haben alle Regierungen entschieden, es sei wichtiger, das Kapital zu schützen als das Klima, und sie kümmern sich daher verstärkt um funktionierende Banken und Autofabriken. Und die Bevölkerung widerspricht nicht. Denn wir vertrauen darauf, dass wir auch dieses Mal davonkommen. Wir haben beschlossen, das Problem den nachfolgenden Generationen zu überlassen. Wir lieben unsere Kinder, ganz gewiss, und wir lieben unsere Kindeskinder, unsere Enkel, aber offenbar lieben wir das Geld noch mehr.

 Die Jüngeren erben den Untergang

Die christlichen Kirchen benennen sieben Hauptsünden, die den geistigen Tod und die Verdammnis zur Folge haben. Diese Todsünden sind Hochmut und Geiz, Wollust und Neid, Völlerei, Zorn und die Trägheit des Herzens. Diese Todsünden gefährden das Individuum, aber die schlimmste Sünde, die nicht allein für das Individuum, sondern für die ganze Menschheit Tod und Verdammnis bringt, das ist die Habgier. Unsere Gier.

Das ist das eigentliche Erbe, das wir Ihnen hinterlassen. Sie erhoffen sich vielleicht ein kleines Bankkonto, ein Haus, etwas Bargeld, das Ihnen bei Testamentseröffnung präsentiert wird. Gewiss, darum kümmern wir uns auch. Sie werden dann das Erbe sorgfältig prüfen – und falls die daran geknüpften Bedingungen für Sie unannehmbar sind, schlagen Sie es mithilfe eines Anwalts aus. Aber auch nicht mit der Hilfe aller Anwälte der ganzen Welt wird es Ihnen gelingen, den anderen Teil der Erbschaft auszuschlagen. Dieses Erbe können Sie nicht zurückweisen: eine tödlich bedrohte Welt.

Wir haben keine Zukunft, wir, die Älteren, wir werden sterben. Unsere Form des Lebens, unsere Art zu wirtschaften, unser Umgang mit der Natur, unsere Regeln, den Reichtum der Welt zu verteilen – alles das ist zukunftslos. Aber diese Zukunft, die wir nicht haben, das sind ja Sie. Die Rechnung wird nicht uns präsentiert, wir haben die Begleichung aus Kostengründen aufgeschoben. Die Rechnung wird Ihnen präsentiert werden, und sie wird dann vielleicht unbezahlbar sein. Denn wir waren großzügig beim Bestellen, wir lebten wie Hasardeure, nein, als Hasardeure. Jedes Jahr musste besser werden als das vergangene, die Autos schneller, die Waffen mörderischer, die Speisen exotischer und die Straßencafés – auch im nördlichen, kalten Europa – in jedem Winter wärmer.

Vor hundert Jahren haben wir das Auto erfunden, ein herrliches Spielzeug, es ist mittlerweile der Mittelpunkt unseres Lebens. Noch vor dem ersten Kind sparen wir auf das erste Auto. Der privat genutzte Pkw hat weltweit ein Zerstörungspotenzial von mehr als nur einer Atombombe. Wir haben autogerechte Städte gebaut, aber noch nie eine enkelgerechte. Seit Neuestem bauen wir Hochhäuser, in denen unsere Autos mithilfe spezieller Fahrstühle direkt in die Wohnung fahren. Nun parken wir direkt hinter dem Wohnzimmer, dort, wo früher einmal ein Kinderzimmer war.

Wir haben unsere Prioritäten gesetzt. Seit dem Beginn der Globalisierung melden die Zweite und Dritte Welt ihren Anspruch auf Luxus an. Nun fahren auch in Osteuropa und China und Indien so viele Autos wie in Westeuropa und Nordamerika, und zwei weitere Kontinente warten ungeduldig darauf, dass sie zur Zerstörung des Klimas beitragen können. Wollen wir es ihnen wehren? Das wäre nicht gerecht.

Wir, die Älteren, meine Generation, sollten uns bei Ihnen, den Jungen, für das Erbe, das wir Ihnen hinterlassen, entschuldigen. Wir haben Gesellschaften eingerichtet, die mit der Welt umgehen, als ob alles unendlich sei. Aber alles ist endlich. Und nun ist die finale Katastrophe in greifbare Nähe gerückt. Und zu dem Erbe, das Sie auf Gedeih und Verderb anzutreten haben, gehört auch, dass Sie etwas tun müssen. Etwas Grundsätzliches. Sie müssen etwas tun, was wir nie geschafft haben: Sie müssen zur Vernunft kommen.

Anderenfalls kann es sein, dass bereits Ihre Enkel, die Ihnen im Augenblick noch unendlich weit entfernt scheinen, die Sie aber bald kennen und lieben lernen, in eine menschenfeindliche Welt geboren werden. Gott, so erzählt uns die Bibel, habe, ergrimmt über den unbelehrbaren Menschen, eine Sintflut geschickt, um die menschliche Rasse von der Erde zu tilgen. Er habe diese mörderische Flut später bereut und den einzigen Überlebenden, Noah und seine Familie, versprochen, dass er nie wieder die Erde in einer Sintflut untergehen lassen werde. Aber vielleicht versprach er es nur, weil er, der Allwissende, wusste, dass der Mensch die nächste Sintflut selber erzeugen wird.

Vielleicht ist er nicht der liebe Gott. Ein lieber Gott kommt in der Bibel nicht vor, da heißt es nur, er sei allmächtig und ewig und vollkommen, groß und unbekannt, zornig und schrecklich. Er sei gerecht, heißt es. Aber wenn er uns gerecht behandeln wird, worauf können wir dann hoffen? Welche Strafen haben wir dann zu erwarten?

Vielleicht wird er hohnlachend zuschauen, wenn unsere Städte in den von uns verursachten Fluten versinken. Wenn Shakespeares Werke und Michelangelos Statuen für alle Ewigkeit ersaufen. Dann werden die großen Meere zusammenfließen und die Erde bedecken als ein einziges Weltmeer. Und die Wasseroberfläche wird bedeckt sein mit dem, wofür die Menschheit sich aufopferte: Unzählbar schwimmen Geldscheine auf dem Wasser, das gesamte Finanzvermögen der Welt, das im Augenblick 148 Billionen Dollar beträgt und für das man dann nicht einmal mehr eine Schale Reis bekommt.

Wenn Sie den Mut haben, uns nicht zu folgen, dann werden Sie auch die Kraft dafür finden. Ich wünsche Ihnen Glück. Machen Sie es besser als wir, bitte.