Werden Sie, anders als wir, begriffen haben, dass unser Leben vergänglich ist? Dass es auf dieser Erde eigentlich unsere Aufgabe ist, an einem Haus zu bauen, das nicht allein für uns nutzvoll ist, sondern auch Menschen Schutz gibt, die wir nicht kennen, weil sie noch gar nicht geboren sind? Oder werden Sie wie wir nur an einem Häuschen für sich selbst bauen, dem sprichwörtlichen Häusle, kostengünstig, mit guten Abschreibemöglichkeiten, um unser Allerheiligstes, unser Bankkonto, nicht allzu sehr zu strapazieren?

Über dem Eingang der großen Paläste und Bürgerhäuser findet sich häufig ein Sinnspruch. Über den Eingangstüren unserer Häuschen aber steht unsichtbar auch ein kurzer Glaubenssatz, und es ist überall der gleiche: Nach mir die Sintflut.

Denn wenn nicht für die künftigen Generationen gebaut wird, so wird ein ganz anderer, verdrängter, unerwünschter Gast einziehen. Dann gilt, was die Spanier sagen: Wenn das Haus fertig ist, zieht der Tod ein. Doch wir, die Generationen vor Ihnen, haben das nicht begriffen. Unsere Götter heißen Effizienz, Wirtschaftlichkeit, Rendite, und für diese Götter sind wir bereit, unsere Welt zu zerstören. Die letzte menschliche Gesellschaft, die auf dieser Erde lebte, ohne sie zu schädigen, das waren die Jäger und Sammler. Alle nachfolgenden Gesellschaften haben an der Auslöschung gearbeitet. Es wurde von Jahrtausend zu Jahrtausend immer effektiver und damit schlimmer, immer perfekter und damit auswegloser.

Das 19. Jahrhundert war grandios in seinem technischen Fortschritt und seiner Zerstörungseuphorie und wurde dennoch vom 20. Jahrhundert mühelos in den Schatten gestellt. Besonders gefährdet ist eine bestimmte Spezies, der Mensch. Aber da jede Woche zweihundert Arten aussterben, wäre sein Verschwinden aus der Sicht Gottes oder des Weltalls nur allzu gerecht.

Nach mir die Sintflut, heißt unser Glaubenssatz, und wie es scheint, kommt diese nun auch. Seit einigen Jahren schmelzen die Polkappen, wird die Eiswüste zu Wasser, lösen sich Gletscher auf. Polarer Meeresboden ist nicht mehr durch ein jahrtausendealtes Eis verborgen, sondern erreichbar. Die Wissenschaft macht Zeitangaben, allerdings könnte sich der Wandel auch erheblich beschleunigen, sich wie eine rollende Lawine in seiner alles vernichtenden Energie potenzieren.

Steigt der Wasserspiegel der Weltmeere um fünf Zentimeter, könnte der Golfstrom kippen, Europa würde das gemäßigte kontinentale Seeklima einbüßen, wir müssten plötzlich in einem extremen Klima leben. Kriege würden entfesselt um bewohnbares Land, um Trinkwasser, um Getreide.

Als wir die fürchterlichen Prognosen der Wissenschaftler zum ersten Mal hörten, waren wir fast erschrocken. Für einen Moment sagten wir uns, diese Katastrophe müssen wir aufhalten. Doch am Tag danach kam die für uns viel entsetzlichere Meldung, dass unser Geld plötzlich weniger wert war als noch am Tag zuvor, dass unsere Immobilien unverkäuflich sind und unsere Wertpapiere ins Bodenlose fallen. Da war die drohende Vernichtung unserer Erde vergessen.

Fast vergessen, um genau zu sein, denn es gab eine spektakuläre Aktion. Ein einziges Land reagierte auf das schmelzende Eis. Dieses Land, an den Nordpol grenzend, schickte ein U-Boot aus, um auf dem vom Eis befreiten Meeresboden eine metallene Fahne mit den Landesfarben aufzustellen und damit den Anspruch auf Bodenschätze anzumelden. Seitdem weiß ich, was die Menschheit tun wird, falls diese Welt untergeht. Sie wird im Moment des Untergangs die Senderechte für das Ereignis meistbietend verkaufen, um sterbend einen letzten glücklichen Moment zu erleben.

Offenbar, um mit Arno Schmidt zu sprechen, offenbar ist die halbe Menschheit irre und die andere nicht ganz bei Groschen. Und noch eine zweite Reaktion gab es. Wissenschaftler wurden gegen Wissenschaftler aufgeboten, um die Gefahren kleinzureden. Sie sprachen von Hysterie, schließlich habe es schon immer klimatische Veränderungen gegeben, die Natur werde sich selbst regenerieren, den Kassandrarufen der Pessimisten zum Trotz.

Diese beruhigenden Worte haben allerdings einen absurden Beigeschmack. Denn wenn mir Gefahr droht, sollte ich dann nicht alarmiert sein? Wäre es nicht ratsam, vielleicht etwas zu viel gegen eine mögliche Gefahr zu tun als ein Tödliches zu wenig? Wenn Sie sich auf einer Straße befinden, auf der Ihnen mit hoher Geschwindigkeit ein Fahrzeug entgegenkommt, und wenn dann ein Fachmann Ihnen beweist, dass die Bremsen jenes Fahrzeugs schadhaft seien, und ein anderer Fachmann sagt das genaue Gegenteil – was würden Sie tun? Bleiben Sie auf der Straße und warten ab, welche Prognose der beiden Sachverständigen sich als korrekt erweist? Oder treffen Sie Vorkehrungen zu Ihrer eigenen Sicherheit?

Die vorsorgliche Rettung der Welt würde dem menschlichen Leben in jedem Fall nutzen. Jedoch würde es etwas von unserem Allerheiligsten kosten: Geld. Und daher haben alle Regierungen entschieden, es sei wichtiger, das Kapital zu schützen als das Klima, und sie kümmern sich daher verstärkt um funktionierende Banken und Autofabriken. Und die Bevölkerung widerspricht nicht. Denn wir vertrauen darauf, dass wir auch dieses Mal davonkommen. Wir haben beschlossen, das Problem den nachfolgenden Generationen zu überlassen. Wir lieben unsere Kinder, ganz gewiss, und wir lieben unsere Kindeskinder, unsere Enkel, aber offenbar lieben wir das Geld noch mehr.