Die christlichen Kirchen benennen sieben Hauptsünden, die den geistigen Tod und die Verdammnis zur Folge haben. Diese Todsünden sind Hochmut und Geiz, Wollust und Neid, Völlerei, Zorn und die Trägheit des Herzens. Diese Todsünden gefährden das Individuum, aber die schlimmste Sünde, die nicht allein für das Individuum, sondern für die ganze Menschheit Tod und Verdammnis bringt, das ist die Habgier. Unsere Gier.

Das ist das eigentliche Erbe, das wir Ihnen hinterlassen. Sie erhoffen sich vielleicht ein kleines Bankkonto, ein Haus, etwas Bargeld, das Ihnen bei Testamentseröffnung präsentiert wird. Gewiss, darum kümmern wir uns auch. Sie werden dann das Erbe sorgfältig prüfen – und falls die daran geknüpften Bedingungen für Sie unannehmbar sind, schlagen Sie es mithilfe eines Anwalts aus. Aber auch nicht mit der Hilfe aller Anwälte der ganzen Welt wird es Ihnen gelingen, den anderen Teil der Erbschaft auszuschlagen. Dieses Erbe können Sie nicht zurückweisen: eine tödlich bedrohte Welt.

Wir haben keine Zukunft, wir, die Älteren, wir werden sterben. Unsere Form des Lebens, unsere Art zu wirtschaften, unser Umgang mit der Natur, unsere Regeln, den Reichtum der Welt zu verteilen – alles das ist zukunftslos. Aber diese Zukunft, die wir nicht haben, das sind ja Sie. Die Rechnung wird nicht uns präsentiert, wir haben die Begleichung aus Kostengründen aufgeschoben. Die Rechnung wird Ihnen präsentiert werden, und sie wird dann vielleicht unbezahlbar sein. Denn wir waren großzügig beim Bestellen, wir lebten wie Hasardeure, nein, als Hasardeure. Jedes Jahr musste besser werden als das vergangene, die Autos schneller, die Waffen mörderischer, die Speisen exotischer und die Straßencafés – auch im nördlichen, kalten Europa – in jedem Winter wärmer.

Vor hundert Jahren haben wir das Auto erfunden, ein herrliches Spielzeug, es ist mittlerweile der Mittelpunkt unseres Lebens. Noch vor dem ersten Kind sparen wir auf das erste Auto. Der privat genutzte Pkw hat weltweit ein Zerstörungspotenzial von mehr als nur einer Atombombe. Wir haben autogerechte Städte gebaut, aber noch nie eine enkelgerechte. Seit Neuestem bauen wir Hochhäuser, in denen unsere Autos mithilfe spezieller Fahrstühle direkt in die Wohnung fahren. Nun parken wir direkt hinter dem Wohnzimmer, dort, wo früher einmal ein Kinderzimmer war.

Wir haben unsere Prioritäten gesetzt. Seit dem Beginn der Globalisierung melden die Zweite und Dritte Welt ihren Anspruch auf Luxus an. Nun fahren auch in Osteuropa und China und Indien so viele Autos wie in Westeuropa und Nordamerika, und zwei weitere Kontinente warten ungeduldig darauf, dass sie zur Zerstörung des Klimas beitragen können. Wollen wir es ihnen wehren? Das wäre nicht gerecht.

Wir, die Älteren, meine Generation, sollten uns bei Ihnen, den Jungen, für das Erbe, das wir Ihnen hinterlassen, entschuldigen. Wir haben Gesellschaften eingerichtet, die mit der Welt umgehen, als ob alles unendlich sei. Aber alles ist endlich. Und nun ist die finale Katastrophe in greifbare Nähe gerückt. Und zu dem Erbe, das Sie auf Gedeih und Verderb anzutreten haben, gehört auch, dass Sie etwas tun müssen. Etwas Grundsätzliches. Sie müssen etwas tun, was wir nie geschafft haben: Sie müssen zur Vernunft kommen.

Anderenfalls kann es sein, dass bereits Ihre Enkel, die Ihnen im Augenblick noch unendlich weit entfernt scheinen, die Sie aber bald kennen und lieben lernen, in eine menschenfeindliche Welt geboren werden. Gott, so erzählt uns die Bibel, habe, ergrimmt über den unbelehrbaren Menschen, eine Sintflut geschickt, um die menschliche Rasse von der Erde zu tilgen. Er habe diese mörderische Flut später bereut und den einzigen Überlebenden, Noah und seine Familie, versprochen, dass er nie wieder die Erde in einer Sintflut untergehen lassen werde. Aber vielleicht versprach er es nur, weil er, der Allwissende, wusste, dass der Mensch die nächste Sintflut selber erzeugen wird.

Vielleicht ist er nicht der liebe Gott. Ein lieber Gott kommt in der Bibel nicht vor, da heißt es nur, er sei allmächtig und ewig und vollkommen, groß und unbekannt, zornig und schrecklich. Er sei gerecht, heißt es. Aber wenn er uns gerecht behandeln wird, worauf können wir dann hoffen? Welche Strafen haben wir dann zu erwarten?

Vielleicht wird er hohnlachend zuschauen, wenn unsere Städte in den von uns verursachten Fluten versinken. Wenn Shakespeares Werke und Michelangelos Statuen für alle Ewigkeit ersaufen. Dann werden die großen Meere zusammenfließen und die Erde bedecken als ein einziges Weltmeer. Und die Wasseroberfläche wird bedeckt sein mit dem, wofür die Menschheit sich aufopferte: Unzählbar schwimmen Geldscheine auf dem Wasser, das gesamte Finanzvermögen der Welt, das im Augenblick 148 Billionen Dollar beträgt und für das man dann nicht einmal mehr eine Schale Reis bekommt.

Wenn Sie den Mut haben, uns nicht zu folgen, dann werden Sie auch die Kraft dafür finden. Ich wünsche Ihnen Glück. Machen Sie es besser als wir, bitte.