"Wir wollen nur noch raus hier!" So lautet nach neun Jahren Militäreinsatz in Afghanistan die Devise der Nato und ihrer Verbündeten. Der Westen ist zermürbt, er hat sich verausgabt. "Intervention für Demokratie und Staatsaufbau" – das ist eine der Parolen von gestern.

"Tritt ab, oder wir marschieren ein!" So lautet vier Wochen nach den Wahlen in der Elfenbeinküste die Warnung der afrikanischen Nachbarländer. Sie drohen Präsident Laurent Gbagbo mit militärischer Gewalt, weil dieser offenbar eher einen Bürgerkrieg provozieren, als seine Wahlniederlage eingestehen und abtreten will. Ein militärischer Einmarsch für Demokratie ? Ausgerechnet in Afrika? Ausgerechnet jetzt, da die Welt eine erbärmliche Bilanz solcher Interventionen zieht?

Ecowas heißt der Bund westafrikanischer Staaten, der notfalls seine Soldaten in die Elfenbeinküste schicken will. Viele seiner 15 Staatschefs wissen aus eigener Übung, wie man Wahlen fälscht und seine Macht durch Nepotismus absichert. Lichtgestalten, die zur Rettung der Demokratie einreiten, sehen anders aus. Und trotzdem ist das Ultimatum an Gbagbo eine Sensation .

Nicht nur, weil mit Ecowas auch alle anderen internationalen Akteure (nach anfänglichem Zaudern) an einem Strang ziehen: Sicherheitsrat und Generalsekretär der UN, die EU samt der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, die Obama-Regierung, die Afrikanische Union, die Weltbank – sie alle haben Gbagbos Gegner und offensichtlichen Wahlsieger Alassane Ouattara als rechtmäßigen Präsidenten anerkannt , haben gegen Ersteren Sanktionen verhängt, schützen Letzteren mit Blauhelmen.

Hinter dieser Einmütigkeit und dem Vorgehen von Ecowas steckt noch mehr: die Einsicht, dass für den ganzen Kontinent ein entscheidendes Jahrzehnt angebrochen ist.

Denn in Afrika drängen mit verspäteter Wucht die Konflikte an die Oberfläche, die der Kalte Krieg weitgehend eingedämmt hatte: Fragen nach der Gültigkeit kolonialer Grenzen – der Südsudan wird Anfang Januar voraussichtlich seine Sezession beschließen. Religiös eingefärbte Verteilungskämpfe – in Nigeria eskaliert derzeit die Gewalt zwischen Christen und Muslimen um politische und ökonomische Teilhabe. Fragen der nationalen Identität und der Zugehörigkeit – in der Elfenbeinküste hat Gbagbo seine Macht auf eine gewaltbereite Ideologie der "Leitkultur" gestützt: "Echte Ivorer" gegen zugewanderte Neubürger, Ethnos gegen Demos.

Vor ein paar Jahren hätte man solche Gewaltausbrüche noch unter "typisch afrikanische Malaise" abgehakt. Aber die Rolle des Kontinents hat sich rasant geändert – und damit auch sein Selbstverständnis und die Wahrnehmung von außen.