Das selbstgewisse Lächeln ist zu Michail Chodorkowskijs Markenzeichen geworden. Die Fotografen lieben es, denn es wirkt so zerbrechlich hinter der Glasscheibe seines Käfigs im Moskauer Chamownikij-Gericht.

Chodorkowskij war einst Chef des Ölkonzerns Yukos, Russlands reichster Mann, und wurde zu Wladimir Putins Erzfeind. Nun zeigt er eine innere Willensstärke, die sich von der körperlichen Entschlossenheit seines Widersachers abhebt. Putin presst wütend die Wörter hervor, wenn er über den Prozess spricht. Chodorkowskij dagegen lächelt.

Im Westen wird er dafür verehrt, in Russland vor allem ignoriert. Für den Westen ist er ein Held, für die meisten Russen dagegen nach wie vor einer der Oligarchen.

Seit Montag verliest der Richter die Urteilsbegründung im zweiten Prozess gegen Chodorkowskij und seinen Geschäftspartner Platon Lebedjew. Er ist schuldig gesprochen wegen Unterschlagung von Rohöl, Geldwäsche und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Nur das Strafmaß bleibt bis zum Ende der Urteilsverlesung offen.

"Ich bin bereit, im Gefängnis zu sterben", sagte Chodorkowskij in seinem Schlusswort vor Gericht. Er hat während seiner Haft eine neue Rolle gefunden, die ihm hilft, die Jahre im Gefängnis zu überstehen: als Märtyrer, der für das schlechte Gewissen aller Privatisierungsgewinnler und Neider Buße tut. Und als Chronist der russischen Zustände, der Abhandlungen über die Zukunft des Landes schreibt.

Chodorkowskij scheint einzulösen, was der Westen sich wünscht: eine Stimme der Vernunft und Menschlichkeit aus einem Land, dem noch immer viele zutiefst misstrauen. Er war ein Oligarch, der in den neunziger Jahren Ölfirmen zusammenraffte, gleich im Dutzend Abgeordnete im russischen Parlament kaufte und erst hinter Gittern die Ungerechtigkeit des Systems entdeckte – doch sein früheres Leben spielt keine große Rolle. Er symbolisiert das Gute, Geläuterte im Kampf gegen das Böse. Chodorkowskij verschickt Interviews aus dem Gefängnis und verliert kaum mal ein harsches Wort über seine Gegner. Selbst gegenüber Putin äußerte er Mitgefühl, nachdem dieser ihn schuldig gesprochen hatte, noch bevor der Richter es tat .

Auch in Russland zieht Chodorkowskijs Unbeugsamkeit Menschen in ihren Bann. Aber es sind vor allem Menschenrechtler und Künstler, die ihn unterstützen. Ein Held der politischen Klasse oder gar der Massen ist er nicht. Für die Mehrheit symbolisiert er den staatlichen Selbstbedienungsladen der neunziger Jahre, als skrupellose Unternehmer mit guten Beziehungen innerhalb weniger Jahre Milliarden Dollar an sich reißen konnten. Selbst nach sieben Jahren Gefängnis gilt er als Teil der Elite, die sich in Russland vom Rest des Volkes abgrenzt, die Politik durch Hinterzimmerabsprachen statt Wahlen beeinflusst und mit persönlichem Blaulicht auf der schwarzen Limousine durch die Straßen rauscht, zur eigenen Luxusdatscha, die hinter meterhohen Mauern am Stadtrand liegt.