Ulrike Hessler ist sehr schlank und sehr groß; sie weiß, dass das die Menschen manchmal irritiert. Also bleibt sie an diesem Schneemorgen in einem Café zur Begrüßung lieber sitzen. Es gibt nicht viele Frauen in Führungspositionen, zu denen man aufschauen muss – Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Anne Will sind alle eher klein, aber Kraftpakete, Energiebündel, Meisterinnen darin, sich durchzusetzen. Das kann Hessler in ihrer freundlichen, stetigen Art ebenfalls, das muss sie können, auch wenn man es ihr auf Anhieb vielleicht nicht zutraut. Und jetzt, da sie am Ziel ist, strahlt Euphorie aus ihren Augen, und die zwei Eier im Glas werden mit Appetit und Sorgfalt verzehrt.

Das Ziel heißt Semperoper. Seit dem 1.August ist Hessler im Amt, die erste Intendantin des ruhmreichen Hauses, das neben der Wiener Staatsoper als unverwüstlichster aller Touristentempel gilt: Reiseunternehmen, die einzelne Vorstellungen ausmieten, zahlen gern Zuschläge von bis zu 50 Prozent. Unumstritten war Hesslers Wahl vor zwei Jahren nicht, denn die 55-jährige Marketingexpertin hatte noch nie zuvor selbstständig eine Oper geleitet. Im Übrigen soll Peter Jonas, Weltstrippenzieher und Hesslers Münchner Mentor, seine Finger mit im Spiel gehabt haben – aber all das scheint derzeit gründlich vergessen zu sein. Schließlich hat Hessler nicht nur Hans Werner Henzes neue Oper Gisela nach Dresden gelotst, sondern auch den Doyen der zeitgenössischen Musik selbst; schließlich war Stefan Herheims Rusalka- Inszenierung ein Riesenerfolg; schließlich ist die "Junge Szene" dabei, das schlechte Gewissen in Sachen Education-Arbeit zu besänftigen; so etwas gab es hier vorher nämlich nicht.

Und dass die Staatskapelle unter der Leitung ihres designierten Chefdirigenten Christian Thielemann nun erstmals im ZDF das Silvesterkonzert bestreitet, ist ohnehin ein Coup. Freilich ein schillernder: Ihm folgte seinerzeit das endgültige Zerwürfnis mit Thielemanns Vorgänger Fabio Luisi (den das ZDF nicht haben wollte), außerdem buhlen nun nahezu zeitgleich zu Silvester zwei Luxusklangkörper um die Gunst des TV-Publikums, die Dresdner um 17.30 Uhr im ZDF und die Berliner Philharmoniker unter Gustavo Dudamel um 17.15 Uhr in der ARD. Die einen spielen Operette, die anderen mehr Französisches und Spanisches, und beide bedauern die zeitliche Überschneidung natürlich außerordentlich. "Es ist nicht gut, wenn sich klassische Musik bei den Öffentlich-Rechtlichen Konkurrenz macht", hat Hessler betont, und auch Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann hätte sich wenigstens eine "Etappisierung" der Konzerte gewünscht. Nicht zuletzt an den Quoten wird gemessen werden, für wen die Herzen höher schlagen: für die aufgekratzten Berliner oder die "Wunderharfe" der im besten Sinn als kulturkonservativ geltenden Dresdner.

Ulrike Hessler hat fast ihr gesamtes bisheriges Berufsleben an der Bayerischen Staatsoper verbracht – von der Presseassistentin zur Interims-Mitintendantin. Sie gilt als ebenso unauffällige wie hartnäckige Netzwerkerin. Zu Christian Thielemann, den sie seit 2004 in München als Generalmusikdirektor der Philharmoniker hautnah erleben konnte, wurde ihr nie eine größere Affinität nachgesagt. Im Gegenteil. Das Verhältnis zwischen Peter Jonas und Thielemann gilt eher als nicht existent, und das dürfte auch auf Jonas’ näheres Umfeld ausgestrahlt haben.

Gleichwohl ist Hessler Profi und ehrgeizig genug, um einen solch fetten Stardirigenten-Braten zu riechen. Wie dieser zu duften begann und gleichsam ganz Dresden verzückte, ja in Rausch und Taumel versetzte, im Herbst 2009, nachdem Thielemann für den erkrankten Luisi mit einer sagenhaften Achten von Anton Bruckner eingesprungen war, wie sofort danach die Musiker vorstellig wurden und die Faxe flogen; und was man auf dem kurzen Dienstweg nicht alles dem Fahrer der ihrerseits frisch bestallten sächsischen Kunstministerin Sabine von Schorlemer zu verdanken habe – all das erzählt die Intendantin gern und mit vielen Winkelzügen. Eine unkonventionelle, irgendwie sehr dresdnerische Erfolgsstory.

Dass Hessler die Münchner Verhältnisse bestens vertraut waren, dürfte bei Thielemanns Abwerbung an die Elbe keine kleine Rolle gespielt haben. 1997 hatte sich die promovierte Geisteswissenschaftlerin als Kandidatin der CSU auf den Posten der Münchner Kulturreferentin beworben, da galt es, kommunalpolitische Seilschaften zu knüpfen. Am Ende unterlag Hessler mit einer Stimme (gegen Julian Nida-Rümelin) und kehrte ohne größere Blessuren auf ihren alten Posten ins Münchner Nationaltheater zurück. Die Kontakte aber wird sie sich warmgehalten haben, und wer weiß, vielleicht hat sie von der Tiefe des Thielemannschen Zerwürfnisses mit München ja schon früher gewusst als er selbst.