Macht formiert sich in konzentrischen Kreisen. Es gibt die äußeren Kreise, in denen die Nichtsnutze leben, also wir, das gemeine Wut- und Schildbürgertum. Dann kommen die inneren Kreise, in denen die Entscheidungsträger walten: Politiker, Manager, hohe Beamte. Und schließlich gibt es den innersten Kreis. In ihm befindet sich das höchste Gut einer Nation, seine Helden, seine Sympathieträger. Wer wohnt derzeit darin? Eine Herde junger, stiller Herren: die deutsche Fußballmannschaft.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hat der Manager der Nationalelf , Oliver Bierhoff, die Machtverhältnisse im Land erklärt. Ob die Kanzlerin ihre Nähe zur Mannschaft nicht zu sehr für ihre eigene Sache nutze, wird Bierhoff gefragt, etwa wenn Merkel nach einem gewonnenen Spiel in die Kabine kommt und sich mit den dampfenden Athleten fotografieren lässt. Bierhoff bleibt gelassen: "Natürlich müssen wir darauf achten, dass wir nicht zu sehr benutzt werden." Und gnädig: "Frau Merkel fragt immer, ob es passt, ob sie nicht stört."

Man darf sie nämlich nicht stören, die jungen Herren. Sie träumen. Im innersten Kreis der Macht ist es derartig ruhig, dass man Stecknadeln fallen hören könnte. Bierhoff charakterisiert das Wesen der jungen Spieler: "Es ist die Generation, die nach dem Spiel riesengroße Kopfhörer aufsetzt. Ich bin jetzt in meiner Welt, soll das signalisieren."

Es ist klar, dass Michael Ballack, der räudige alte Piratenkapitän , in dieser Mannschaft nichts mehr zu melden hat. Ballack hatte seine Männer auf offenem Deck zusammengebrüllt und bei Sturm in die Takelage gejagt. Die Fußballer neuer Art stehen, kaum dass Schlacht und Sturm vorbei sind, für Züchtigungen nicht mehr zur Verfügung. Aus der Garderobe tritt Müller/Özil/Neuer, der Mann, um den das Land sich dreht, am Hals trägt er sein Celebrity-Zaumzeug: den Kopfhörer. Jetzt setzt er ihn auf, und schon ist er verschwunden in inneren Gemächern. Woran denkt er nun? Vermutlich spielt er ein Fußballspiel mit sich selbst, wie er’s bei Playstation gelernt hat.

Die Urgestalt des träumenden Kämpfers hat vor langer Zeit ein Dramatiker ersonnen, Kleist, im Prinzen von Homburg. Der Prinz soll sein Heer in die Schlacht führen, seine Männer sitzen längst auf den Rössern, er selbst aber ruht unter einer Eiche und windet sich den Siegeskranz. Der Graf von Hohenzollern, gleichsam der Trainer des Prinzen, beschreibt den jungen Kämpfer fassungslos, der da, "sich träumend, seiner eignen Nachwelt gleich", den kommenden Ruhm schon genießt. Als der Prinz geweckt wird, ist er verloren.

Der Prinz wähnt sich in der Zukunft, er badet in kommendem Glück. Geborgen ist er nur in seiner eigenen Welt. Wer ihn weckt, vernichtet ihn. Von diesem Schlag sind die neuen deutschen Helden. Deshalb, Frau Merkel: Bitte nicht mehr stören!