Zu Beginn geht der Narr zur Rampe der Burgtheater-Bühne, knabbert an seiner Unterlippe, als müsse er darüber nachdenken, was jetzt kommen soll, sieht uns an und macht: SSSCHHH . Und sofort erhebt sich ein Sturm. Der Narr, so lernen wir, denkt sich diese Szene gerade erst aus. Das ganze Spiel ist seine Kopfgeburt. Sie entwickelt sich so:

Bei einer Schiffskatastrophe werden die Zwillinge Viola und Sebastian an verschiedene Küsten gespült. Jeder hält den anderen für tot. Viola tappt in Männerkleidern in die fremde Stadt Illyrien und begibt sich, um ihren Schmerz zu betäuben, sofort ins Zentrum der Macht. Sie verliebt sich in Herzog Orsino. Orsino aber liebt die schöne Gräfin Olivia. Olivia, die vor Kurzem ihren Vater und ihren Bruder verloren hat, lebt in so schroffer Trauer, dass sie keinen Mann an sich heranlässt. Nur den Mann, in den sich Viola verkleidet hat, liebt sie blitzartig und total. So irrt sich jeder, alle rasen ins Leere, und was sich Liebe nennt, erweist sich als Werk der Blendung und Egozentrik.

Die letzte ziemlich berühmte Was-ihr-wollt- Inszenierung gab es vor zwei Jahren am Deutschen Theater Berlin. Der Regisseur Michael Thalheimer , ein unerschrockener Übersetzer langer Dramen in szenische Kurzschrift, ein "Entschlacker" und "Entrümpler" des Theaters, hatte sich mit dem Glück der Täuschungen und Verirrungen nicht lange aufgehalten und gleich vollendete Tatsachen geschaffen: Was ihr wollt fand bei ihm im Krieg, auf einem Schlachtfeld statt.

Bei Thalheimer waren alle Menschen, da sie von derselben Lust befallen wurden, vom selben Schlamm gezeichnet. Hier wurden die Liebenden von der Liebe nicht verwandelt; sie wurden verschlungen vom eigenen Trieb. Wenn zwei in den Dreck fielen und sich küssten, spritzte es, und man fragte sich: Erleben die gerade eine Orgie, oder kämpfen sie sich aus dem Grab? Besudelt standen sie alle da, Versehrte eines Liebeskriegs.

Ich habe Durst, denkt Toby, also bin ich; ich trinke, also stehe ich aufrecht

Nun, zwei Jahre später, hat Matthias Hartmann, der Intendant der Wiener Burg , Was ihr wollt als großes Zwischen-den-Jahren-Publikumsbelohnungsspiel an seinem Haus inszeniert, mit ganz vielen Stars, und sein Spiel zielt nicht auf Entzauberung, sondern auf Zuspitzung aller Szenen zu Kabinettstückchen. Er wirft keinen in den Schlamm, er wirft alle ins Gelächter. Hier sind wir nicht im Krieg, sondern im Schwank. Wer über die Pension Schöller lachen musste, wird die Pension Shakespeare lieben.

Hartmanns Figuren trippeln über die Bühne wie Sklaven einer höheren Mechanik. Nicht das Mörderische der Liebe ist hier entscheidend, sondern das Zwanghafte, Mechanische, lustig Blinde. Die Aufführung ist ein Fest im Zeichen der Vorsilbe "ver": Verkleidete, Verirrte, Verrückte, Verliebte beherrschen die Bühne. Sich zu verirren und sich zu verlieben, es ist mehr oder weniger dasselbe – eine Abirrung, ein Witz.

Wenn diese Figuren fallen, bluten sie nicht, und sie bleiben auch nicht liegen: Sie kommen katapultartig wieder hoch, unerbittliche Stehaufmännchen der Weltliteratur. Hartmann nimmt Was ihr wollt als ein eh zu Tode gespieltes Stück, an dessen Leib man zum Spaß und zur Übung herumoperieren darf. Ein Text als Entfesselungsvorwand fürs Ensemble. Dass das gut geht, liegt an den tollen Komikern. Nehmen wir Sir Toby von Rülps, den trunksüchtigen Onkel der Gräfin. Toby, gespielt von Nicholas Ofczarek, ist eine wunderbare Randfigur, die sich, in unerkannter Würde, als Hauptfigur erweist: Toby stützt das Spiel von unten.