Jetzt nennt man sie eine "Märtyrerin". Doch Maryouma Fekry hatte anderes vor mit ihrem noch jungen Leben. Minuten bevor sie zur Neujahrsmesse im ägyptischen Alexandria aufbrach, speicherte die 22-Jährige ein Update auf ihrer Facebook-Seite: "2010 ist vorbei... Dieses Jahr ist das beste in meinem Leben ... Ich habe so viele Wünsche für 2011 ... Bitte, Gott, bleibe bei mir und hilf mir, sie wahr zu machen." Kurz nach Mitternacht explodierte die Bombe vor der St.-Markus-und-Petri-Kirche der ägyptischen Hafenstadt Alexandria . Maryouma und 20 weitere koptische Christen starben, mehr als 100 wurden verletzt. Maryoumas Facebook-Seite gibt es noch. Unter dem Bild der strahlenden jungen Frau, die Harry Potter und Linkin Park mochte, tragen sich Hunderte ein, die sich dem Irrsinn des islamistischen Terrors entgegenstellen wollen. Es sind auch Muslime unter ihnen.

Das Attentat von Alexandria ist ein Schlag gegen das ägyptische Regime

Sie haben offenbar verstanden, dass es um mehr als nur um einen weiteren beklagenswerten Terrorakt geht: Es droht die kulturelle Selbstverstümmelung der islamischen Welt durch die schrittweise Vernichtung des orientalischen Christentums . Alexandria ist kein Einzelfall. Erst vor zwei Monaten traf es die Gemeinde der Kirche Maria Erlöserin in Bagdad: Ein Selbstmordkommando stürmte am 31. Oktober den Sonntagsgottesdienst und ermordete mit Bomben und Maschinengewehren 58 Menschen . Al-Qaida im Irak bekannte sich zu dem Massenmord.

Das Christentum im Zweistromland ist in den letzten Jahren bereits um die Hälfte geschrumpft. Wer es sich leisten konnte, ging in den Westen, die Armen suchten Zuflucht im ruhigeren und toleranteren kurdischen Norden und in der Türkei. Nach der Gräueltat von Bagdad hat nun eine weitere Fluchtwelle eingesetzt. Die Welt schaut hilflos zu, während das Christentum der Chaldäer und Assyrer, in deren Gottesdiensten teils noch das biblische Aramäisch vorkommt, zugrunde geht. Welch grausame Ironie: Dem Irakkrieg wurde "Kreuzzüglertum" unterstellt. Doch nun ist es denkbar geworden, dass das Christentum in seinem Gefolge aus einigen seiner frühesten Stätten vertrieben wird. Die Ureinwohner Ägyptens und des Iraks, deren Gemeinden viele Hundert Jahre vor dem Islam schon dort beheimatet waren, sind Sündenböcke geworden. Fanatiker erklären sie zu Fremdkörpern, die es auszumerzen gelte.

Die radikalen sunnitischen Islamisten von al-Qaida haben sich die religiöse "Säuberung" der muslimischen Welt auf die Fahne geschrieben. In ihrer Vision eines neuen Kalifats zwischen Bagdad und Marrakesch gibt es keinen Platz für Christen und Juden. Der Neujahrsanschlag, der die Handschrift von al-Qaida trägt, ist auch ein Schlag gegen das ägyptische Regime von Hosni Mubarak. Im September nämlich soll in Ägypten ein neuer Präsident gewählt werden. Mubarak will seinen Sohn installieren und unterdrückt brutal den Widerstand, ganz gleich, ob säkular oder islamistisch. Wer die Kopten schlägt – mit mehr als acht Millionen Menschen die größte christliche Minderheit in Nahost –, trifft zugleich das prowestlichste Regime der arabischen Welt.

Der "Pharao" Mubarak spielt dabei sein eigenes Spiel: Er versucht, die erbärmliche Lage der Kopten ganz auf die Taten der Extremisten zu reduzieren. Doch sein Regime hat die schleichende Islamisierung der Gesellschaft zugelassen und Bigotterie gegen Andersgläubige geschürt. Kopten werden am Kirchenbau gehindert und haben kaum Aufstiegschancen im korrupt geführten Staat. Vor einem Jahr erschossen muslimische Attentäter sieben Christen vor der Kathedrale von Nag Hammadi. Sie waren Ägypter. Der Präsident verdammte die Tat erst nach zwei Wochen.

Die Vertreter des Islams in Deutschland muss niemand mehr lange bitten, sich zu positionieren: Nur Stunden nach dem Massaker hat der "Koordinationsrat der Muslime" den "feigen und schrecklichen Anschlag auf das Schärfste" verurteilt. Ein Lernprozess: Muslime haben verstanden, dass die radikalen Islamisten mit dem Vertrauen auch die Grundlage des Zusammenlebens hierzulande zerstören wollen. Es ist absurd, von unbescholtenen Muslimen nach jedem Anschlag die Distanzierung von Gewalttaten zu fordern, die sie niemals gebilligt haben. Leider geschieht das auch jetzt wieder. Mit solchen kenntnisfreien Forderungen macht man die Wohlwollenden indirekt zu Geiseln jener Extremisten.

Das ist fatal, weil die eigentliche Kampflinie nicht zwischen den Religionen verläuft, wie es die Weltenbrandzündler gerne hätten. Sie verläuft zwischen denen, die in einer multireligiösen Gesellschaft leben wollen, und den Fanatikern der Reinheit – heute vor allem: innerhalb des Islams. Die größte Provokation für die Mörder im Namen der Reinheit ist die angstfreie Vermischung, auf der die Stärke der freien Gesellschaften beruht. Denn jeder Muslim, der friedlich und gutnachbarschaftlich im Westen lebt, ist eine wandelnde Widerlegung bin Ladens. Wir sehen das oft nicht mehr in unserer erregten Islamdebatte. Mit jedem Christen hingegen, der Ägypten oder den Irak verlässt, kommen die islamistischen Apologeten des Absoluten ihrem Ziel näher. Aber wünschenswert ist, dass auch die Muslime im Westen den Kampf für die Rechte der Christen des Orients mit führen: Es ist auch ihr Kampf, die Differenz zwischen dem Islam und der aggressiven Ideologie deutlich zu machen, durch die Maryouma Fekry zur Märtyrerin wider Willen wurde.

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