Der berühmte Beiname geht zurück auf den amerikanischen Boxer James J. Corbett, der den griechische Box- und Ringkampf, das Pankration, um das Novum der Moderne bereicherte: die Beinarbeit. Dergestalt behände zu Fuß, wurde der Schwergewichtler am 7. September 1892 nach 21 Runden Weltmeister – und fortan "Gentleman Jim" genannt. Hundert Jahre später war es dieser Beiname, mit dem ein Duo den deutschen Boxsport revolutionieren sollte: Henry "der Gentleman" Maske und sein Promoter Wilfried Sauerland. Seither hat auch das Boxmanagement in Deutschland ein Gesicht.

Man kennt es von unzähligen Ringschlachten am Bildschirm. Ein rheinisches Gesicht wie aus einem Kabinett Konrad Adenauer, hohes, schmales Cranium, lichtes, kurzes Haar. Es gehört einem distinguierten, kantigen Herrn in grauem Zwirn. Man sieht ihn nach dem letzten Gong in den Ring preschen, seine Boxer herzen, nervenzerfetzt der Entscheidung harren.

Und dann sieht er neben Henry Maske, Wladimir Klitschko oder Nikolai Valuev, Boxern, die zwischen 1,93 und 2,12 Meter messen, kleiner aus, als er wirklich ist.

Wilfried Sauerland hat das Boxen in Deutschland zu dem gemacht, was es heute ist. Er hat es einmal Leuten abgenommen, die "Goldfinger" oder "Negerkalle" hießen. "Es gab Zeiten, da sprachen prominente Frauen vom Lucky Punch, das hatten sie irgendwo aufgeschnappt. Man meint heute, dass die Leute sich am Fernseher wirklich interessieren, und die Frauen können auch die Gewichtsklassen langsam auseinanderhalten", sagt der Schauspieler Heiner Lauterbach. Der Mime und seine Frau sind mit dem Ehepaar Sauerland gut befreundet.

Mit 22 zog er von Wuppertal nach Südafrika und fing bei Bosch an

Sauerland trinkt Tee im Berliner Hotel Kempinski und nimmt ein Stück Kuchen. Mit 70 Jahren haut er noch täglich in den Sack, auch wenn sein liebstes Hobby längst das Golfen ist. Dann und wann klingelt das Handy. Es geht um Arthur Abrahams nächsten Fight, es ruft sein ältester Sohn an. Sauerland spricht Englisch mit ihm. Er nimmt Zitrone zum Tee und bleibt entspannt. Um seinen Sport ist es so gut bestellt wie nie zuvor.

Boxer wie Abraham und die Brüder Klitschko füllen in Deutschland Fußballstadien und Konzerthallen. Millionen verfolgen die Kämpfe eingedeutschter Armenier, Russen und Ukrainer wie einst Alis Rumble in the Jungle in Zaire – live, egal, um welche nachtschlafende Zeit. Deutsche Prominenz von Oliver Pocher bis Boris Becker drängelt sich wie Groupies um die Ringseile. Das alles hat sehr direkt mit Wilfried Sauerland zu tun. Und indirekt mit einem Abenteurerbuch.

Es erschien 1954 mit Hartpappeinband im Brockhaus-Verlag. Der Späher von Natal , geschrieben von einem Pastor des Lutherischen Weltbundes, der in Werken wie Da fanden wir Brüder ein hübsches Afrikabild zeichnete. "Ich interessierte mich für ferne Länder, und darin war Afrika wunderbar beschrieben." Oder warum zieht es 1962 einen 22-Jährigen aus der väterlichen Schreinerei in Wuppertal ans Kap der Guten Hoffnung?

Südafrika sei wunderbar gewesen und ohne Kriminalität, sagt Wilfried Sauerland heute über Wilfried Sauerland damals. Die Wahrnehmung der Apartheid tritt erst später auf. Im Gespräch wie in seinem Leben. "Ich war sehr jung und habe das vielleicht nicht so empfunden, wie man es von außen hätte empfinden können."

Der Exportkaufmann beginnt in der Administration einer Bosch-Niederlassung. 1968 geht er nach Tunesien und Algerien, 1970 schickt ihn ein Maschinenbauer nach Sambia. "Da stellte ich fest: Das kannst du auch in eigener Regie." Es war die Zeit des Füllhorns, Brot für die Welt. "Große Projekte mit Mischfinanzierung. Das lief in Sambia sehr gut." Sauerland verkaufte ganze Textilfabriken, Düngemittelbetriebe, Sägewerke. Später konzentrierte er sich auf Abfüllanlagen. "Ich dachte, da isses heiß, Getränke in Afrika, das muss eigentlich Zukunft haben." Noch heute beliefert er Getränkehersteller von Zentralafrika bis zu den Seychellen mit Maschinen. Sein Kerngeschäft liegt in Afrika, zumindest zur Hälfte. Sechs Monate lebt er in Europa, sechs Monate in Johannesburg – "der ruhigere Teil des Jahres".