Im Jahr 2011 beginnt die Bundeswehr die größte Reform ihrer 55-jährigen Geschichte. Noch jedoch stehen dicke Fragezeichen über dem Ziel, der Finanzierung und der Sinnhaftigkeit des Unterfangens. Die Beschlüsse, die der Bundestag nach einem Jahr turbulenter Diskussionen gefasst hat, lassen vieles offen. Niemand weiß heute, wie die Bundeswehr im Jahr 2012 aussehen wird. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) fährt als Inhaber der obersten Befehls- und Kommandogewalt finanziell und konzeptuell auf Sicht.

Es ist nicht die erste, eher die sechste oder gar siebte Bundeswehrreform, denn von Franz Josef Strauß bis zu Guttenbergs Vorgänger Franz Josef Jung hat fast jeder Verteidigungsminister – und von Ulrich de Maizière bis Wolfgang Schneiderhan so gut wie jeder Generalinspekteur – die deutschen Streitkräfte den sich ständig wandelnden strategischen Gegebenheiten anpassen müssen. Was indes jetzt auf die Bundeswehr zukommt, ist bei Weitem die einschneidendste Reform seit ihrer Gründung 1955.

Die Wehrpflicht, fünf Jahrzehnte lang das Markenzeichen der neuen Armee, wird abgeschafft. Der Streitkräfteumfang wird auf höchstens 185.000 geschrumpft – keine zwei Fünftel der Truppenstärke während des Kalten Krieges. Falls jedoch nach Kassenlage reformiert werden sollte, könnten sogar nur 163.500 Soldaten übrig bleiben – weniger als ein Viertel des einstigen Höchstumfangs. Gleichzeitig wird die Kommandostruktur umgekrempelt: Der Generalinspekteur wird aufgewertet zum Generalstabschef, auch wenn er aus Rücksicht auf historische Empfindlichkeiten nicht so genannt werden soll; die Inspekteure der Teilstreitkräfte werden aus der bürokratischen Ministerialzwangsjacke befreit und zu reinen Befehlshabern gemacht. Schließlich rückt die Landesverteidigung vollends in den Hintergrund, die Bundeswehr wird fortan zur reinen Eingreifarmee.

Die Frage ist, ob den Streitkräften damit nicht zu viel auf einmal zugemutet wird. Sie müssen einen großen Reformbissen schlucken, den sie schwerlich ohne Magenbeschwerden verdauen können. Alles auf einmal zu erneuern beschwört die Gefahr herauf, dass der fällige Umbau im Chaos endet. Unbeantwortet ist zudem die Finanzierungsfrage. Eine unter äußerstem Sparzwang stehende Bundesregierung wird sich bald mit der Erkenntnis auseinandersetzen müssen, dass Reform kostet. Eine schlankere Bundeswehr mag effizienter werden, billiger wird sie nicht.

Die Armee darf nicht zu einem Haufen abenteuerlicher Haudegen werden

Nicht zuletzt bleibt bisher auch die grundsätzliche Frage unbeantwortet, ob die Umstellung auf eine reine Expeditionsarmee nicht in einem historischen Augenblick erfolgt, in dem militärische Interventionen der Nato nach dem so ausweg- wie aussichtslosen Afghanistan -Unternehmen auf lange Zeit unwahrscheinlich geworden sind.