Zwischen Fabrik und Louvre

Was ihm aufgefallen sei in Deutschland? "Die essen viel Schweinefleisch." Khalid El Aidous stammt aus Marokko und lebt seit sieben Jahren in Pantin, einer Banlieue von Paris. Der 21-Jährige bereitet sich auf sein Fachabitur (Bac pro) vor, mit dem er zugleich einen Abschluss als Zerspanungsmechaniker macht. Im Sommer hat er zusammen mit sechs Mitschülern drei Wochen lang die Ruhrgebietsstadt Essen besucht. Seine Schule, das Lycée Chennevière-Malézieux, organisiert zusammen mit dem Essener Berufskolleg West einen Schüleraustausch.

Für Angehörige der gehobenen Bildungsschichten ist ein Schüleraustausch eine Normalität , aber nicht für diese Jugendlichen aus dem Ruhrrevier und den Vororten von Paris. Khalid zum Beispiel kannte außer Paris keinen anderen Ort in Europa.

Jetzt hat er Lust, auch mal in Deutschland zu arbeiten. "Französisch habe ich erst in Frankreich gelernt", sagt er. Seine Eltern sprechen nur Arabisch. "Und wenn ich Französisch lernen kann, warum dann nicht auch Deutsch?"

Besucher des Lycée sehen fast überall nur junge Männer im Blaumann sowie ein paar grau gekleidete Lehrer. Eine elegante Dame sticht hervor. Das ist Marie Rusch, die Direktorin. "Das Bac pro ist eine gute Qualifikation", sagt sie. "Wir bilden an modernen computergesteuerten Maschinen aus. Aber die Arbeit in der Produktion gilt in Frankreich als zweitrangig, viele Eltern sehen ihre Kinder lieber im Büro als in der Fabrik. Deshalb werden meist nur diejenigen zu uns geschickt, die anderswo Probleme hatten."

Ihre Schüler kommen aus den Banlieues von Paris, genauer gesagt: aus den Ghettos der Stadt . "Es kommt vor", sagt ein Lehrer, "dass die in der Mittagspause abhauen und nicht wiederkommen." Disziplin kann man den jungen Männern freilich nicht einbläuen. Das Lycée geht andere Wege; die Schüler aus der Schmiede-Abteilung arbeiten beispielsweise für Künstler der Stadt, die im öffentlichen Raum ausstellen. Wer stolz ist auf seine Arbeit, der schwänzt sie nicht, das ist die Logik.

Khalid hat gelernt, konzentriert zu arbeiten. Sein Besuch in Essen begann mit einer Woche Deutschunterricht, und zwar nach der Tandem-Methode: Deutsche und französische Teilnehmer lernen miteinander, in beiden Sprachen zu sprechen, begleitet von Lehrern. Danach ging es in die Fabrik, wo Khalid mitarbeiten musste – "am Fließband, mit riesigen Maschinen. Im Lycée arbeiten wir ja mehr an Einzelstücken." Dass die deutsche Berufsausbildung betriebsnah ist, gefällt ihm. Aber nicht, dass so früh über den Bildungsweg der Schüler entschieden wird.

Ende Oktober dann kamen Essener Schüler nach Paris. Auch sie hatten eine Woche Tandem-Sprachunterricht, wenngleich sie mit ihren Pariser Kollegen lieber auf Englisch radebrechten. Sie erfuhren zu ihrem Erstaunen, dass ihre Partnerschule nach zwei Widerstandskämpfern benannt ist, die von Deutschen ermordet wurden. Später besuchten die Essener zusammen mit den Pariser Jugendlichen die Residenz des deutschen Botschafters in Paris, das Palais Beauharnais, ein Kleinod der Architektur, das sonst nur wenigen gezeigt wird, Staatsgästen etwa oder Vorstandschefs.

 

Noch vor der Pariser Presse bekamen sie auch die drei Bilder von Neo Rauch zu sehen, die dort seit Kurzem hängen. Sodann das kuriose Einschussloch im Schlafzimmerspiegel, Spur eines Querschlägers aus den Tagen der Kommune 1871 – von ihr hatte keiner der Schüler jemals gehört. Interessanter fanden die jungen Franzosen, fast alle afrikanischer Herkunft, die überall anzutreffenden Anspielungen des napoleonischen Dekors auf den Ägyptenfeldzug: Mohren, Mamelucken, arabische Inschriften.

Das Pariser Programm war vollgepackt: Louvre, Peugeot, Air France, Parlament sowie diverse Empfänge, wie man sie in Paris liebt. Nur zu einem richtigen Praktikum kam es leider nicht. Das französische System ist eben nicht dual, und die Unternehmen zögern, Jugendliche einfach mal mitarbeiten zu lassen. Das klappt in Deutschland besser. Marie Rusch und die Essener Französischlehrerin Petra Thomas konnten immerhin finanzielle Unterstützung finden; das "Deutsch-französische Sekretariat für den Austausch in der beruflichen Bildung" trägt zu Kost und Logis der Schüler bei. Ansonsten ist das Programm in beiden Städten nur möglich, weil Lehrer und ihre Freunde ihre Verbindungen spielen lassen. Es ist ein Programm von unten, selbst gestrickt, nicht immer perfekt, aber getragen von begeisterten Lehrern. Ja, das gibt es noch.

Abschlussabend in einer Hotel-Berufsschule, Speisen und Service aus der Hand von Auszubildenden. "Das schmeckt ja sogar", sagt einer. War das Essen denn sonst nicht so gut? "Nö. Die Franzosen essen nur so kleine Portionen und braten das Fleisch nicht richtig durch wie bei uns. Aber sonst war es klasse in Paris." Was vor allem? "Der Eiffelturm."