"Mehr Forschung"

DIE ZEIT: Die Technische Universität München hat mit viel Getöse eine School of Education aufgemacht, in der sie künftig alle Lehrer gemeinsam ausbilden will. Jetzt bündelt auch die Ruhr-Universität Bochum ihre Lehrerbildung in einer Professional School of Education. Sind Sie ein Nachmacher?

Peter Drewek: Nein. Egal, ob in München, Bochum oder anderswo: Immer mehr Universitäten kommen von sich aus zu der Auffassung, dass die Lehrerbildung auf eine neue Grundlage gestellt werden muss. Die traditionelle Lehrerbildung war und ist inhaltlich und organisatorisch erschreckend unkoordiniert. Die Fakultäten, die einzelnen Fächer und die Bildungswissenschaften an den Unis auf der einen, die Studienseminare auf der anderen Seite verfolgten jeweils ihre eigenen Programme – gemeinsam abgestimmte Konzepte zur Professionalisierung waren rare Ausnahmen.

ZEIT: Welches Ziel verfolgen die neuen Ansätze ?

© Ruhr-Universität Bochum

Drewek: Erstens wollen sie die Lehrerbildung wieder unabhängig vom studierten Fach in einer eigenen, ausdrücklich berufsorientierten Institution zusammenführen. Zweitens geht es darum, der Lehrerbildung erstmals einen echten Forschungsbezug zu geben, der bis hin zur Promotion von Lehrern reicht.

ZEIT: W ollen Sie damit sagen, dass in der Lehrerbildung bislang nicht geforscht wurde?

Drewek: Das wäre sicher ungerecht. Der Punkt ist aber: Besonders die systematische Forschung in den Fachdidaktiken, die sich auf die Lehrerausbildung und damit auf den Alltag der Lehrer auswirkt, wurde lange vernachlässigt. Für die meisten Lehrer reduziert sich Fachdidaktik doch oft auf ein im Beruf erworbenes Betriebswissen.

ZEIT: Was ist das Besondere an Ihrem Konzept?

Drewek: Im Unterschied zu anderen Modellen handelt es sich in Bochum nicht um eine eigene zusätzliche Fakultät. Wir belassen die Fachdidaktiker in unseren Fakultäten und ziehen sie nicht in die Professional School, weil wir glauben, dass die Anerkennung des Fachlichkeitsprinzips grundlegend für den Erfolg guter Lehrerbildung ist. Deshalb machen die Studierenden erst einen Fachbachelor, bevor sie sich im Master in Richtung Lehramt spezialisieren. Erst hier kommen wir ins Spiel.

 Stipendien für Weiterbildung neben dem Beruf

ZEIT: Auf welche Weise ?

Drewek: Zwölf von unseren insgesamt 20 Fakultäten bilden Lehrer aus. Über diesen Fakultäten installieren wir eine Querstruktur, die vor allem für die Masterstudiengänge eine echte Verbindung zwischen den einzelnen Fachdidaktiken schafft. Wir werden erstmals ein elektronisches Vorlesungsverzeichnis erstellen, das alle Angebote nur für Lehramtsstudierende auf einen Blick zeigt. Dies ist für uns auch ein wichtiger Baustein zur Qualitätssicherung. Außerdem werden wir Kurse anbieten, etwa zu überfachlichen Schlüsselqualifikationen, die alle Lehrer brauchen, um im Schulalltag durchzukommen.

ZEIT: Das klingt aber sehr nach einer virtuellen School of Education.

Drewek: Da haben Sie zum Teil vielleicht recht. Aber zur Professional School of Education gehört auch ein Center of Educational Studies, in dem die unterrichts- und berufsbezogene Bildungsforschung dauerhaft gebündelt wird. Hier soll unter anderem die Forschung der in den Fachdidaktiken neu einzurichtenden Juniorprofessuren angesiedelt werden. Über die pädagogisch-psychologischen Ansätze hinaus soll besonders in der Bildungssoziologie geforscht werden, aber auch in weniger prominenten Feldern, wie zum Beispiel im Bildungsrecht, in der Bildungsverwaltung und sogar mit hermeneutischen Methoden. Damit haben wir einen thematisch und methodisch sehr viel breiteren Forschungsansatz in der Lehrerbildung als heute üblich.

ZEIT: Und das soll die Rückbindung der Forschung an den Lehreralltag herstellen?

Drewek : Das alles – und das neue Lehrerpromotionskolleg. Dort wollen wir, soweit rechtlich und politisch möglich, jährlich bis zu ein Dutzend Junglehrer neben ihrem Berufseinstieg fördern. Sie sollen ein Stipendium erhalten, das ihnen den Umstieg auf Teilzeit ermöglicht, damit sie parallel zum Schulalltag weiter lernen und forschen können.