Die Tradition der schweizerischen Gesellschaft – oder doch die Tradition ihrer gesellschaftlichen Vorurteile – erzählt es so: Wenn sich Künstler und Intellektuelle in die aktuelle Politik einmischen, dann tun sie es in der Regel auf der Seite der Extreme. Sie stellen mit Begeisterung unrealistische Forderungen auf, schwenken die Fahnen radikaler Splittergruppen und skandieren: "Friede den Hütten, Krieg den Palästen!" Worauf das gesunde Volksempfinden feststellt, dass diese Typen wieder einmal total die Bodenhaftung verloren haben und vor lauter Intellektualismus niemals fähig sein werden, den Normalbürger zu verstehen. Weshalb es sich auch erübrigt, sich ihre kunstvoll formulierten Parolen anzuhören oder auch nur den Versuch zu machen, ihre sorgsam gedrechselten Argumente zu verstehen.

Die Künstler und Intellektuellen ihrerseits...

(Einschub: Hier wird dringend ein neues Wort benötigt. Eines, mit dem sich diese abgehobenen, volksfernen Typen mit einem einzigen Wort verunglimpfen lassen. Und dieses Wort sollte bitte leichter zu buchstabieren sein als das vermaledeite "intellektuell", mit dem man sich in den Diskussionsforen der Onlinezeitungen so leicht orthografisch blamiert. Vielleicht so etwas wie "Die Linken und die Netten" von anno dazumals. Herr Dr. Mörgeli, hier ist Ihre Formulierungskunst gefragt! Ende des Einschubs.)

Die Künstler und die Intellektuellen ihrerseits haben sich auch lange Zeit gemäß ihrem Klischeebild verhalten, des Dichters – und Malers und Sängers – Aug’ in holdem Wahnsinn rollend. Sie haben prinzipiell nur solche Forderungen vertreten, die außerhalb ihrer eigenen sektiererischen Zirkel nirgendwo Beifall bekommen konnten. Was sie nicht weiter störte, da sie diese Zirkel in der Regel nie verließen. Sie zelebrierten ihren Außenseiterstatus und sahen sich nicht wirklich in der Verantwortung für die Dinge, die sie in brillanten Formulierungen verlangten. Die Formulierungen selbst waren ihnen wichtiger. Sie waren, wie das Max Frisch einmal in anderem Zusammenhang formuliert hat, in politischen Dingen von der durchschlagenden Wirkungslosigkeit von Klassikern.

Es mag immer noch den einen oder anderen geben, der nach diesen Klängen marschiert. Aber bei den meisten "Intellellos" (wäre das ein Vorschlag, Herr Dr. Mörgeli?) beobachte ich in letzter Zeit etwas anderes: eine Hinwendung zur Mitte der Gesellschaft. Wir sind, zu unserer eigenen Überraschung, konservativ geworden, und zwar im wörtlichen Sinn dieses so oft missbrauchten Begriffs. Das hat nichts mit zunehmender Grauhaarigkeit und schon gar nichts mit Altersmilde zu tun. Den Jungen geht es genau so.

Die alte Schneckentempo-Schweiz ist uns lieber als dieser Turbo-Populismus

Der Grund, so scheint mir, ist der: In der Vorderfront der Politik – egal, ob diese Front gerade nach links oder nach rechts marschiert – ist kein Platz mehr für uns Paradiesvögel. Früher waren wir stolz darauf, ein bisschen verrückt zu sein, paradierten unsere Wirklichkeitsferne als Beweis von Kreativität. Heute, da politische Irrationalität den Kurs der beiden größten Volksparteien im Land bestimmt, finden wir die vordersten weltanschaulichen Barrikaden immer schon besetzt. Dort residiert jetzt die classe politique, also jene Leute, die nicht müde werden, zu betonen, dass sie zu ebendieser Klasse selbstverständlich nicht gehören. Die Extrempositionen auf beiden Seiten, traditionellerweise die Standpunkte der Outsider, werden jedes Jahr stärker von den Insidern besetzt. Die SVP hat die Ausländer zu Sündenböcken für alles und jedes erkoren und die SP die Reichen. Die Linke will den Kapitalismus abschaffen und die Rechte den Islam. Der Kampf geht, entgegen allen gut schweizerischen Demokratie-Traditionen, nicht mehr um das Pro und Contra sachlicher Argumente, sondern längst nur noch um die von Franz Josef Strauß beschworene "Flughoheit über den Stammtischen".

Und wir Künstler und Intellektuellen (Herr Dr. Mörgeli, wo bleibt das handliche Kurzwort?) stellen plötzlich fest, dass uns unser Staatssystem, über das wir uns oft herablassend lustig gemacht haben, wichtig ist. Dass die in der Bundesverfassung formulierten Grundrechte, die wir so lange hochmütig als Floskeln abgetan haben, verteidigenswert sind. Dass wir die langweilige, altmodische Schneckentempo-Schweiz, die uns in unserem Dünkel so überholt erschien, wiederhaben wollen. Weil sie uns zehnmal lieber ist als der angesagte Turbo-Populismus.