Unser Land ist eine Willensnation. Sagt man. Doch Wille allein genügt nicht, um die Schweiz zusammenzuhalten. Weder bei der Bundesstaatsgründung 1848 noch heute. Dafür braucht es Geld. Aus den Kassen des Bundes und der starken Kantone. Ohne den Geldfluss von den Starken zu den Schwachen gäbe es die föderale Schweiz nicht. Denn die Hälfte aller Schweizer Kantone sind aus eigener Kraft nicht lebensfähig. Unter den hilfsbedürftigen Kantonen ist das kleine Uri ein Rekordhalter. Nicht weniger als 56 Prozent seiner Mittel bezog es 2009 aus dem Topf des Bundes oder aus dem Nationalen Finanzausgleich (NFA), den insbesondere Zürich und Zug alimentieren. Der große Kanton Bern, einst der potenteste Gliedstaat der Eidgenossenschaft, bezieht heute aus dem NFA den Höchstbetrag von jährlich 855 Millionen Franken.

Die reiche Schweiz kann sich diese Umverteilungsmaschinerie noch leisten. Was aber, wenn das Geld knapper würde, man im großen Stil Subventionen streichen müsste? Wäre es dann nicht hilfreich, zu wissen, wie dieses System der Abhängigkeiten überhaupt entstanden ist? Doch die Schweizer Historiker mögen keine Finanzgeschichte.

Wenn die emeritierte Berner Geschichtsprofessorin Beatrix Mesmer in Lokal- oder Kantongeschichten blättert, wundert sie sich oft darüber, dass finanzielle Fragen ausgespart sind. Was sie vermisst, ist die historische Kostenwahrheit. So wurde im Handbuch der Bündnergeschichte gar nicht erwähnt, woher anfangs des 20. Jahrhunderts die Gelder für die kühnen Pionierbauten der Rhätischen Bahn oder die Passstraßen ins Engadin stammten. Erst in der zweiten Auflage des Handbuchs wurde ein Abschnitt über Graubündens hohen Subventionsbezug nachgereicht.

"Die Finanzen sind der weiße Fleck der Schweizer Geschichtsschreibung", sagt Beatrix Mesmer. Die Historiker hätten sich lieber mit dem Werden des Nationalstaats als mit dem Werden des Subventionsstaats beschäftigt. Nation-Building ist aber immer auch eine finanzielle Frage. "Eine Finanzgeschichte müsste das Volumen und die regionale Verteilung der Subventionen aufarbeiten", sagt Beatrix Mesmer. Dadurch würde sichtbar, wie die monetären Verteilungskämpfe von damals bis in die Gegenwart nachwirken. Etwa bei der Streckenführung von Eisenbahn und Nationalstraßen.

Nichts illustriere die Machtverhältnisse in einem Staat besser als dessen Budget, sagt Jakob Tanner, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich. Doch die Schweiz scheut die Kosten-Nutzen-Analyse ihres Staatshaushalts. Er könnte das Subventionssystem und damit den Föderalismus als ineffizient entlarven. Und der "Kantönligeist" ist ein nationales Heiligtum. Daran zu rütteln ein Sakrileg.

Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb sich die Geschichtswissenschaft kaum für nationale Geldfragen interessiert. "Es liegt auch an den Historikern selber", sagt Sebastien Guex. Der Geschichtsprofessor an der Universität Lausanne ist einer der wenigen hiesigen Spezialisten für Finanzgeschichte. Er meint, diese sei ein technisch schwieriges Feld und liege nicht im Trend. Historiker würden sie lieber meiden. Denn die Budgets verschiedener Jahrzehnte ließen sich kaum vergleichen.