Schon ein kurzer Blick in die Bücherkataloge zeigt, dass der Vatikan die Menschen nach wie vor, im Guten wie im Bösen, fasziniert – ein Numinosum, das Bewunderung wie Verdacht gleichermaßen anzieht. Am Dreikönigstag, dem 6. Januar, strahlt die ARD einen Film von Richard Ladkani aus. Schon sein Titel Vatikan – Die verborgene Welt legt die Frage nahe, ob jenes Numinosum nun großformatig fortgezeugt oder kleingliedrig aufgeklärt werden soll. Die Antwort nach neunzig Minuten lautet in etwa: sowohl als auch.

Natürlich hätte der Film erklären können, wie der Vatikan als Institution eigentlich funktioniert und wie – neben dem Imposanten – all das Peinliche zustande kommen konnte: die Regensburger Papstrede, die die Muslime so erzürnte, die "Begnadigung" des Holocaust-Leugners Williamson, die Wiederzulassung der tridentischen Messliturgie inklusive des Karfreitagsgebets, das die Juden empören musste... Aber das hätte man durch einen Aufsatz des vormaligen bayerischen Kultusministers Hans Maier schneller erfahren können, der vor einiger Zeit die institutionelle Ineffizienz und sich selbst behindernde Intransparenz des vatikanischen Regierungssystems ebenso loyal wie luzide kritisiert hatte.

Auf dieser sachlichen Ebene erfährt man also aus diesem Film nichts Neues. Man erfährt auch nichts Neues über Benedikt XVI., es gibt kein Gespräch mit ihm, immerhin eine Szene, die ihn bei Angelusgebet vue de dos von seinem Arbeitszimmer aus zeigt.

Dafür kennt man nun die Geschichte von Valentino Dumitrana, eines der Ministranten am Petersdom, der nach zwei Jahren erkennt, dass er doch nicht Priester werden möchte, dafür aber den sehnlichsten Wunsch erfüllt bekam, einmal dem Papst selber ministrieren zu dürfen. Man kennt den Hoffotografen Francesco Sforza, der die immergleichen Bilder produzieren muss. Und man erfährt in ermüdender Länge immer wieder von den aufwendigen Sicherheitsmaßnahmen, auch vor dem täglichen Spaziergang des Papstes in seinen Gärten, während dem all die ungezählten Videokameras – und entsprechend die vielen Bildschirme in der sala operativa – abgeschaltet werden und sich nur noch die Gendarmen in den Büschen versteckt halten, um Benedikt XVI. nicht zu stören.

Der Ansatz, die Operationen des Vatikans aus dem Blickwinkel einiger seiner Bediensteten sichtbar zu machen, erklärt eher wenig, gewinnt aber eine gewisse, sogar anrührende Dichte in der Begleitung der Journalistin Gudrun Sailer vom Radio Vatikan, die einige Restriktionen dieses Berufs in einem solchen System beim Namen nennt, hier aber der Geschichte der deutschen Jüdin Hermine Speier nachgeht, einer Archäologin, die 1938 als erste Frau im Vatikan angestellt und dadurch vor der Vernichtung gerettet wird; Frau Sailer konfrontiert dieses Leben ausdrücklich mit dem von Pius XII. unerhört gebliebenen Hilferuf jener anderen deutschen, zum Katholizismus konvertierten Jüdin Edith Stein, die von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet wurde.

Episoden wie diese entschädigen für das ausschweifende Missverhältnis zwischen Apotheose und Analyse. Wieso muss man anfangs – von wabernder Filmmusik umwölkt – behaupten, der Petersdom sei auf dem Grab des Apostels, Märtyrers und ersten Papstes Petrus errichtet worden – um am Ende, für die Aufgeklärteren, doch noch schnell nachzuschieben, dass es dafür wissenschaftlich keinen Beweis gibt; fehlte nur noch der Hinweis, dass der Monepiskopat des Papstamtes sich erst im 4. bis 5. Jahrhundert voll ausbildete. Sollte es wirklich nicht möglich sein, die Dignität des Papstes und des Vatikans ohne Mystifikationen darzustellen?