Das große Mundwerk ist ein Markenzeichen des ungarischen Premiers Viktor Orbán. So war es nicht verwunderlich, dass der rechtsgewirkte Politiker auf harsche paneuropäische Kritik an den neuen, vermeintlich undemokratischen ungarischen Mediengesetzen an Weihnachten mit den Worten reagierte, er werde nun ganz bestimmt " keine zitternden Knie bekommen ". Der "armen deutschen Bundeskanzlerin" bescheinigte Orbán zugleich, in den Chor der Kritiker nur "hineingezogen" worden zu sein. Ganz ernst könne Angela Merkel also nicht genommen werden, sollte das wohl heißen.

Nun allerdings bekommt es Orbán mit womöglich härteren Gegnern zu tun. Am Montag wurde bekannt, dass 13 Unternehmenschefs aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Österreich Mitte Dezember in einem geharnischten Protestbrief an die EU-Kommission heftige Kritik an der Wirtschaftspolitik der seit dem Frühjahr amtierenden ungarischen Regierung geübt haben. Diese versuche, Ungarns schwer defizitären Staatshaushalt "auf dem Rücken ausgewählter Sektoren und ausländischer Unternehmen auszugleichen", heißt es in dem Schreiben, das unter anderen von den Vorsitzenden der Deutschen Telekom, der Allianz sowie der Energiekonzerne E.on und RWE unterzeichnet wurde und das der ZEIT vorliegt. Mit dieser Politik, so die Konzernchefs, zerstöre die Regierung "jegliche Vertrauensgrundlage für zukünftige Investitionen".

Das ist starker Tobak, in der Kommunikation zwischen internationalen Konzernen und einer demokratisch gewählten europäischen Regierung ebenso einmalig wie eigentlich ziemlich ungehörig. Und doch könnte es – weil es um Geld und Arbeitsplätze geht – Orbán stärker unter Druck setzen als die Kritik an seinen Mediengesetzen . Knapp 80 Prozent aller Investitionen in Ungarn kommen aus der EU, ein Viertel allein aus Deutschland. Ohne den Außenhandel und die Produktion der in Ungarn tätigen Auslandsunternehmen wäre Ungarns Wirtschaft derzeit nicht überlebensfähig.

Den Konzernen missfällt vor allem eine von der Regierung Orbán im Spätherbst quasi über Nacht und ohne öffentliche oder größere parlamentarische Beratung eingeführte "Krisensteuer". Sie trifft fast ausschließlich die Sektoren Handel, Finanzen, Telekom und Energie und dabei nur die großen – und damit überwiegend ausländischen – Firmen. Magyar Telekom, eine Tochter der Deutschen Telekom, müsste nach Angaben aus Unternehmenskreisen allein für 2009 rund 100 Millionen Euro bezahlen, RWE käme auf etwa 25 Millionen. Das Perfide an der Steuer ist nicht nur die offensichtliche Diskriminierung ausländischer Unternehmen, sondern auch, dass sie auf Sektoren zielt, die nicht mobil sind. Autoproduzenten etwa zahlen keine Krisensteuer. Was die Sache noch schlimmer macht: Die Steuer wird unabhängig von der Ertragssituation einer Firma allein auf den Umsatz erhoben.

Es sei "fair und gerecht, sich an jene zu wenden, die bislang einen geringeren Teil" zur Krisenbewältigung beigetragen hätten. So weist das Budapester Wirtschaftsministerium in seinem Online-Auftritt die Kritik an der – vorläufig bis 2014 befristeten – Steuer zurück. Immerhin, heißt es weiter, seien "wegen ihres Einflusses und wegen der Vorteile", die der ungarische Staat ihnen in der Vergangenheit eingeräumt habe, in den betroffenen Sektoren "Profite akkumuliert" worden. Diese Gewinne würden es den Firmen nun erlauben, "eine größere Rolle bei der Stabilisierung des Haushalts zu spielen".

Derart schlicht lässt sich Wirtschaftspolitik natürlich auch begründen. Im eigenen Parlament regiert Viktor Orbán mit einer Zweidrittelmehrheit. In Europa wird die Zahl seiner Kritiker derweil immer größer. Mal sehen, ob es bei Orbáns großem Mundwerk bleibt.