Hier, riech mal – Zimtsohlen!", sagt die Bäckersfrau in der Markthalle und wedelt mit einem kleinen Päckchen. "Da duften die Socken, und du kriegst nie kalte Füße! Kannst du auch bei mir kaufen." Dann reicht sie dampfende Korvapuusti über die beschlagene Kuchentheke und klopft sich das Mehl von der Schürze. Die zuckrigen Zimtschnecken versöhnen augenblicklich mit der eisigen Dunkelheit draußen, im Januar, wenn es in Turku nur knapp fünf Stunden lang hell ist.

Die Markthalle liegt hinter imposanten Pendeltüren aus Holz, die so massiv und schwer zu bewegen sind, dass man sie nur langsam aufdrücken kann, um sich dann geschickt hinein ins Warme zu schieben. Innen, zwischen schmiedeeisernen Säulen, reihen sich Hunderte Stände mit historischen Messinguhren, bunten Wollknäueln, flauschigen Fellen, wuchtigen Holzbottichen und schweren Reissäcken. Die Markthalle von Turku ist ein Treffpunkt – für Einheimische und Touristen, aber auch für Regisseure und Kameramänner, die das 200 Jahre alte Gebäude als Filmkulisse schätzen.

2011 wird nicht nur die Markthalle, sondern gleich die ganze Stadt zur Bühne. Im Doppelpack mit Tallinn in Estland trägt die südwestfinnische Metropole Turku in diesem Jahr den Titel "Kulturhauptstadt Europas". Mit Open-Air-Festivals bei klirrender Kälte, Ringern, die mit auf den Bauch geschnallten Akkordeons kämpfen, mit Dancing Towers, auf denen Ballettelfen mit Feuer spuckenden Drachen im schmelzenden Schnee tanzen, will man aus dem Schatten von Helsinki heraustreten. Denn die Turkuer behaupten selbstbewusst: "Wir sind die Hauptstadt!" Schließlich waren sie es tatsächlich, jahrhundertelang, und sind daher besonders beleidigt, wenn man im Ausland arglos fragt: "Turku-wo?"

Den Bewohnern der Stadt sagt man nach, sie seien introvertiert und hätten eine melancholische Tango-Seele, gepaart mit etwas Weltschmerz und einem leichten Hang zum Trübsinn. "Dem muss man etwas entgegensetzen!", sagt Hauki, ein Altrocker in den besten Jahren, mit schütterem Haar und schwarzen Lederklamotten, während er lässig am Tresen seines Stammlokals steht, The Old Bank, eine der angesagtesten Kneipen Finnlands. "Wenn du Kopfschmerzen hast und dir jemand mit einem Hammer auf den Zeh haut, sind wenigstens die Kopfschmerzen weg. So ist es auch mit meiner Musik, sie zerstreut den Winterblues."

Deshalb hat Hauki jetzt für das Kulturhauptstadtjahr ein Heavy-Metal-Musical komponiert: 1827 – Infernal Music widmet sich der Geschichte von Finnlands ältester Stadt, die nicht nur im Jahr 1827, sondern mehrfach nahezu völlig abbrannte und hektisch wiederaufgebaut werden musste. "Wir werden es krachen lassen", sagt Hauki. "Es muss wehtun! Denn erst wenn es wehtut, spürt man sich richtig!" Nach wie vor, meint Hauki, würden 80 Prozent aller finnischen Songs in Moll geschrieben, und das findet er unverantwortlich: "Das kann man mal bei Sonnenuntergang hören, aber doch nicht, wenn die Sonne fast gar nicht mehr aufgeht!" Hauki ist überzeugt: Moll-Musik fördert die Selbstmordrate, Heavy Metal dagegen steigert die Lebensenergie.

Bei einem Spaziergang durch die Straßen im Stadtzentrum ist davon einstweilen wenig zu spüren. Turku ist keine lieblich-romantische Metropole. Brände und Kriege haben in seiner Architektur tiefe Spuren hinterlassen. Aber wenn man um die richtigen Orte weiß, kann es so etwas wie Liebe auf den zweiten Blick werden.

Der Charme Turkus entfaltet sich vor allem am Ufer des Flusses Auri, zwischen den russischen Jugendstilvillen in zarten Pastelltönen und dem backsteinroten Dom, der ältesten Kathedrale des Landes, sowie in den Gassen des 200 Jahre alten Handwerkerviertels auf dem Klosterhügel. Hier wirkt die Stadt selbst im Dunkeln heller als mitten in der City, wenn sich im Wasser die Lichter der Laternen spiegeln, die bunten Lampionketten der maritimen Restaurants und der Schiffe, die vor Anker liegen. Auf der Promenade schlendern Spaziergänger im Schnee, schlecken auch bei schärfsten Minusgraden an ihren Eiswaffeln oder wärmen sich in einem der vielen kleinen Cafés auf, bei heißem Pfefferminztee und typisch finnischen Reispiroggen.