"Qualität und eine gewisse Identität entstehen durch Machen"

ZEITmagazin: ...das haben Sie gelernt ...

Lindbergh: ... also dachte ich, das mache ich in Berlin auch. Habe im Karstadt am Hermannplatz in Neukölln ein paar Monate lang gearbeitet, aber das wurde schnell zu langweilig.

ZEITmagazin: Warum?

Lindbergh: In Berlin fing ich an, in Museen zu gehen, habe Ausstellungen besucht, plötzlich öffneten sich neue Welten für mich. Ich habe bei Karstadt aufgehört und, um an Geld zu kommen, lieber in Fabriken gejobbt. Auf dem Kurfürstendamm gab es einen Service, da ging man morgens um halb acht hin, hat mit den anderen gewartet, Obdachlose, Arbeitslose, und dann kam einer aus dem Büro und deutete auf die Männer, die er wollte, du, du, du und du. Meistens musste ich bei Siemens in einer Glühbirnenfabrik arbeiten, wahnsinnige Bilder übrigens: Nachtschicht, in Kellergewölben, riesige Schächte, man fuhr mit Loren auf Schienen herum. Dort wurden die kaputt gegangenen Glühbirnen recycelt.

ZEITmagazin: Auf Dauer hielten Sie das nicht aus.

Lindbergh: Ich war anderthalb Jahre in Berlin, und dann bin ich nach Frankreich getrampt, nach Arles. Witzig, dass ich genau da im letzten Jahr ein Haus gekauft habe, im Naturschutzgebiet der Camarque. Das hätte ich damals wirklich nicht gedacht. Dort war ich acht Monate, anschließend anderthalb Jahre in Spanien und in Marokko, Tanger.

ZEITmagazin: Woher hatten Sie das Geld für die Reisen?

Peter Lindbergh antwortet mit einer Geste: mit einer aufgehaltenen Hand .

Lindbergh: Ich habe auch vom Verkauf abstrakter Bilder gelebt, die ich in Berlin gemacht hatte.

"Nicht bei berühmten Fotografen assistieren. Es ist später schwer, sich von deren Einfluss zu befreien"

ZEITmagazin: Das Betteln hat überall funktioniert?

Lindbergh: Ja, als ich vor Kurzem wieder mal in Madrid war, kam vor dem Hotel Ritz jemand auf mich zu und fragte nach Geld. Ich habe ihm einen 50-Euro-Schein gegeben, und als er sich darüber wunderte, habe ich ihm erzählt, dass ich vor 50 Jahren in Madrid war und genau das Gleiche gemacht habe und nie vergessen habe, wie mir eines Nachts ein Fremder einen großen Schein in die Hand gedrückt hat. Ich habe damals auch mit Kreide auf der Straße gemalt, gegenüber vom Prado auf einem Mittelstreifen für Fußgänger. Das Geschäft lief so gut, dass ich es mir leisten konnte, zwei Jungs zu engagieren, die nachts auf die Zeichnungen aufgepasst haben, wenn die Straßenreinigung vorbeikam und die Bürgersteige mit Wasser abgespritzt hat.

ZEITmagazin: Das waren Ihre ersten Assistenten. Und was haben Sie in Tanger gemacht?

Lindbergh: Da habe ich an einem kleinen Platz mit marokkanischen Coffeehouse-Musikern Bongo gespielt und dafür ein paar Pfennige oder auch was zu essen bekommen. Die rauchten natürlich Pot, aber die Polizei mochte es nicht, wenn Europäer rüberkamen und mit Marokkanern rauchten. Eines Abends kamen zwei Männer und haben mich mitgenommen. Eine Nacht habe ich in der Zelle verbracht, am nächsten Morgen ging’s ab aufs Boot und zurück nach Spanien. In meinen Pass hatten sie gestempelt: Einreiseverbot für Marokko.

ZEITmagazin: Sie waren lange allein unterwegs.

Lindbergh: Ja, das war eine Zeit mit vielen Selbstgesprächen. Vielleicht wäre das noch länger so gegangen, aber dann lag meine Mutter im Sterben. Ich war Anfang 20 und bin sofort zurück nach Hause getrampt, nach Rheinhausen. Sie ist nur 44 geworden. Wenige Tage nach meiner Rückkehr ist sie gestorben.