ZEITmagazin: Sie selbst haben ja nie lange gewartet in Ihrem Leben. In den siebziger Jahren sind Sie quasi über Nacht nach Paris gezogen.

Lindbergh: Ja, das stimmt. Ich hatte damals in Deutschland ein Tageshonorar von 6000 Mark, unfassbar viel Geld. Aber dann rief die französische Marie Claire an und sagte, du kannst bei uns jeden Monat eine Produktion machen, inklusive der Cover. Da habe ich meine Sachen gepackt. Mir ist es immer leicht gefallen zu gehen. Mir war überhaupt nicht klar, welche Probleme damit auf mich zu kommen sollten: Die Welt gehört den Naiv-Sorglosen. Nur ein Beispiel: Bis ich in Paris gelandet war, hatte ich keine Sekunde darüber nachgedacht, dass ich ja kein Wort Französisch spreche.

ZEITmagazin: Aber Sie waren nicht nur naiv. Sie haben früh einen international gut klingenden Künstlernamen angenommen, denn eigentlich heißen Sie Peter Brodbeck.

Lindbergh: Als ich in Düsseldorf Assistent bei Hans Lux war, riefen öfter Leute im Atelier an und sagten freundliche Dinge wie "Ich schlag dir die Fresse ein". Hans Lux fragte mich, was machst du denn für Sachen? Du bist doch eigentlich ein netter Kerl! Da stellte sich heraus, dass es bereits einen Fotografen namens Brodbeck gab, der überall Schulden hatte. Ich wollte mich damals gerade selbstständig machen und dachte, der Name ist in Düsseldorf ein echtes Handicap für einen Fotografen. Und an Handicaps war ich noch nie interessiert.

ZEITmagazin: Wie sind Sie auf Lindbergh gekommen? Durch Charles Lindbergh, den berühmten Piloten?

Lindbergh: Nicht direkt, aber dieser Name hatte eine gute Aura und war international. Er steht für Abenteuer, er löst etwas aus, er hat mir bestimmt geholfen. Hätte ich mich Altbeck genannt, wer weiß, ob ich heute hier sitzen würde! Da fällt mir eine Geschichte ein, wenn Sie so wollen, der Gipfel meiner Karriere.

ZEITmagazin: Sie schmunzeln?

Lindbergh: Eines Tages, da war ich bereits recht bekannt in Paris, erschien im Figaro eine ganze Seite über eine Luftfahrtschau. Und darin stand der schöne Satz: "Als Peter Lindbergh im Jahr 1927 mit der ›Spirit of St. Louis‹ erstmals den Atlantik ohne Zwischenstopp überquerte ..." Den Artikel habe ich mir eingerahmt.

ZEITmagazin: Nach Paris haben Sie auch New York erobert. Sie sind einer der wenigen Fotografen, die über einen hoch dotierten Exklusivvertrag mit einem Verlag verfügen.

Lindbergh: Ich bin jetzt wieder bei Condé Nast, dem Verlag der Vogue, unter Vertrag. Vorher war ich bei der Konkurrenz Harper’s Bazaar .

ZEITmagazin: Muss man sich das vorstellen wie einen Spielertransfer in der Bundesliga?

Lindbergh: Ich war von 1988 bis 1992 bei der amerikanischen Vogue . Als ich später von dort weggegangen bin in Richtung Harper’s Bazaar, war das schon so etwas wie eine Scheidung von Anna Wintour

ZEITmagazin: …der Chefin der Vogue in New York.

Lindbergh: Anfang 2010 gab es ein geheimes Treffen mit Anna Wintour im Ritz in Paris. Wir haben das Kriegsbeil begraben und beschlossen, nach 18 Jahren, die Zukunft gemeinsam zu verbringen.

ZEITmagazin: Gemeinsam haben Sie in den achtziger Jahren die Modefotografie erneuert. Da war zum Beispiel das legendäre erste Vogue- Cover, das Anna Wintour verantwortet hat: Man sah darauf Jeans, damals ein Tabubruch.

Lindbergh: Der Titel ist eher zufällig entstanden. Ich habe das Model mit einer Kleinbildkamera fotografiert, es trug oben Couture-Mode und unten eine Jeans, die normalerweise nicht zu sehen gewesen wäre, weil man bei dem Format die untere Seite des Fotos abschneidet. Aber ich fing an, diese Mischung schön zu finden. Ich habe die Jeans also nicht weggeschnitten, sondern das Bild komplett Anna gezeigt. Und sie sagte: "Das ist das, was ich machen will, eine Mischung aus Couture und Straße."