Rauchen und Alkohol verboten. Kein Knoblauch und keine Zwiebeln im Essen, Deo oder Parfüm tabu. Sich waschen war erlaubt, aber nur genau nach Vorschrift, geschlafen wurde ausschließlich in einem ganz bestimmten T-Shirt.

Martin Wiesmann, Neuroradiologe an der RWTH Aachen, führte bei seinen Studienteilnehmern ein strenges Regiment. Immerhin mussten sie nicht sieben Meter hohe Strommasten erklimmen, um, oben angekommen, auf deren Spitze stehend zu balancieren. Diese Übung hatte der Forscher einem zweiten Probandentrupp zugemutet.

Mit derlei Exerzitien spürt Wiesmann dem Geruchssinn nach – einem, wie er meint, bislang unterbelichteten Aspekt menschlicher Sensorik. "Riechen mag für den Menschen die unwichtigste Sinneswahrnehmung sein, aber sie ist bedeutender, als wir bisher dachten", sagt er. So kann Wiesmann beispielsweise aus seinem Labor berichten, dass Menschen vorsichtiger werden, wenn sie fremden Angstschweiß wahrnehmen.

Um das testen zu können, braucht ein Forscher erst einmal Angstschweiß, und den bekommt er zum Beispiel, wenn er Menschen auf einem hohen Mast turnen lässt. Solchen Forschungsvorhaben stehen jedoch manche bürokratische Hürden entgegen. "Bringen Sie das mal durch eine Ethikkommission", erinnert sich Wiesmann. Da ist – trotz strenger Ess- und Waschvorschriften – der Schweiß eines Nachtschlafs schon einfacher zu sammeln.

Die verschwitzten T-Shirts der Kletterer hat Wiesmann nach dem Versuch in kleine Schnipsel geschnitten, in leere Teebeutel gepackt und anderen Versuchspersonen unter die Nase gebunden – die Menge der Schnipsel so stark reduziert, dass die Beutel geruchlos schienen. Und tatsächlich: Wer an Angstschweiß geschnuppert hatte, änderte bei einem Kartenspiel seine Strategie und spielte defensiver.

Lange hatten Wissenschaftler geglaubt, der Mensch hätte im Verlauf der Evolution die Fähigkeit verloren, Geruchssignale zu bilden und zu empfangen. Anders als er besitzen Tiere in der Nase ein eigenes Organ, das auf diese sogenannten Pheromone spezialisiert ist, das Vomeronasalorgan. Doch dann fanden Forscher vor wenigen Jahren in der menschlichen Nasenschleimhaut Zellen, die ebenfalls auf Pheromone reagieren können. Mit einem Hund, der aus dem Urin eines anderen dessen Alter, Geschlecht, Gesundheit und Stimmung erschnüffelt, kann der Mensch sich zwar nicht messen. "Signale rund um Aggression, Dominanz und Fortpflanzung könnte es aber noch geben", vermutet Wiesmann. Bei der Partnersuche etwa würde der Einfluss der Pheromone überlagert von Aussehen und Verhalten des Gegenübers.

Obendrein sind Gerüche die einzigen Sinneswahrnehmungen, die uns gänzlich unbewusst erreichen können. Die Nervenbahnen aller Sinnesorgane führen im Gehirn zunächst durch den Thalamus – ein Hirnzentrum, das Informationen herausfiltert, die ins Bewusstsein gelangen. Eine Ausnahme sind einige Nervenleitungen des Geruchssinns. Forscher vermuten, dass dieser Teil der Gerüche buchstäblich am Bewusstsein vorbeigeht. Dazu passt: Zur Definition von Pheromonen gehört, dass die Reaktion auf ihre Wahrnehmung wie ein Reflex automatisch erfolgt und nicht bewusst entschieden werden kann.