Manche nennen den weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, der sich gerade wieder durch mehr als zweifelhafte Wahlen im Amt bestätigen ließ, den letzten Diktator Europas. Lassen wir für den Moment dahingestellt, ob es nicht doch den einen oder anderen Konkurrenten in der einen oder anderen "defekten Demokratie" (das ist der moderne Fachausdruck) des alten Kontinents gibt. Sicher ist jedenfalls, dass kein vergleichbarer Politiker über ein vergleichbares Bärtchen verfügt, das noch heute geeignet ist, an die dämonischen Rotzbremsen Hitlers und Stalins, des spanischen Generalissimos Franco oder etwa Saddam Husseins zu erinnern. Die Frage, die sich aufdrängt, lautet deshalb: Gibt es einen Diktatorenbart – und wenn ja, welche Botschaft transportiert er?

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Zwischen den stämmigen Schnauzern Stalins und Saddams und den kaum nasenbreiten Sparschnitten Hitlers und Francos hat Lukaschenkos Oberlippenpelz eine Mittelposition bezogen, was sich möglicherweise auch als ideologische Mittelposition zwischen links und rechts deuten lässt – denn Saddam Hussein, vergessen wir es nicht, war seinem Selbstverständnis nach Führer einer sozialistischen Partei. Weiter links im politischen Spektrum kommt nur noch der Vollbart der Kommunisten, als spitzbärtige Andeutung bei Lenin und Ulbricht, als Vollversion bei Fidel Castro. Bis auf den heutigen Tag kann in Lateinamerika niemand Vollbart tragen, ohne als Kommunist zu gelten; das sei nur als kleine modische Warnung gesagt.

Indes – was befand sich rechts von Hitlers und Francos Bärtchen? Logischerweise kann es nur die Bartlosigkeit des portugiesischen Diktators António Salazar gewesen sein. Stand aber deshalb der sanfte Professor und krankhaft sparsame Chefvolkswirt seines Volkes weiter rechts als Hitler? Nimmt man nicht Brutalität zum Maßstab, sondern echten Konservatismus, kann das durchaus sein. Salazar wollte nichts bewegen, schon gar nichts erlösen und erwecken, er wollte nur bewahren (vor allem die Staatsfinanzen). Seine Feinde waren der Fortschritt im Allgemeinen und Coca-Cola im Besonderen (seinerzeit in Portugal tatsächlich verboten). Damit wollen wir nicht seinen Lobpreis singen, aber doch das frivole Fazit vorbereiten: Wenn schon Diktator, dann lieber ohne Bart. Jens Jessen