Während die Low-Budget-Hotels von den Randlagen der Städte in die Zentren ziehen, bewegen sich die Boutiquehotels in die wenig angesagten Viertel. In Paris zum Beispiel zog das Mama Shelter ins eher unattraktive 20. Arrondissement, und das Hotel Ink48 belebt seit einiger Zeit das New Yorker Viertel Hell’s Kitchen. Vorreiter dieses Trends ist der asiatische Hotelier Loh Lik Peng. In Singapur eröffnete er das New Majestic in einem ehemaligen Freudenhaus, in Shanghai steht sein Waterhouse neben schmuddeligen Hafendocks. Nun hat der ehemalige Anwalt sein erstes Hotel in Europa eröffnet. Es heißt Town Hall, liegt im tiefsten Londoner East End, und zu den Nachbarn zählen ein Boxclub, ein Take-away und Sozialhilfeempfänger. Die Gegend, sagt Peng, sei ihm nicht wichtig gewesen, dem Gebäude habe er nicht widerstehen können.

Das 1910 errichtete Rathaus mit seiner klassizistischen Fassade aus hellem Portland-Stein beeindruckt schon von außen. Durch ein hohes Portal betritt man eine Lobby mit grün und weiß gemusterten Marmorböden, einem majestätischen Treppenhaus, schimmerndem Teakholz an den Wänden, hohen, mit Stuck verzierten Decken. Der Check-in-Bereich wurde diskret in eine Ecke verbannt, für wartende Gäste steht eine Sitzgruppe mit unterschiedlichen Holzsesseln in schönstem Fünfziger-Jahre-Stil bereit. Früher wurden hier Ehen und Geburten registriert.

Das Hotel liegt im East End

Etwa 20 Millionen Pfund investierte Loh Lik Peng in das heruntergekommene Gebäude. Für die Gestaltung der Räume beschäftigte er Architekten, die keine Erfahrung im Hotelbereich hatten und es auch nicht störend finden, wenn der Blick vom Bett aus ungehindert auf die Toilette geht. Einige der 98 Zimmer sind Apartments mit breiten Fensterfronten und Eichenholzparkett. Im Wohnzimmer stehen mandarinen- und tabakfarbene Polstermöbel, in der Küche Espressomaschine, Herd, Mikrowelle, Wasch- und Spülmaschine. Allerdings fragt man sich, warum es für Teller und Töpfe mehr Platz gibt als für Kleider und Schuhe.

Darüber könnte man ja vielleicht noch hinwegsehen. Nicht hinwegsehen kann man über den Glaskasten im Zimmer, in dem das Duschbad und die Toilette untergebracht sind und in dem man sich ganz und gar schutzlos fühlt. Wer hier duscht, setzt zugleich das halbe Bad unter Wasser, da die Tür der Kabine nicht richtig schließt. Und wer anschließend die Zähne putzen möchte, muss zurück ins Zimmer, denn für das Waschbecken war im Glasbad leider kein Platz mehr. Dabei muss man noch froh sein, dass man Zimmer 323 und nicht die "De Montfort Suite" gebucht hat. Dort stolpert und irrt man über Glasebenen und Glastreppen, und der Spiegel im Bad dieser angeblich größten Londoner Hotelsuite ist auf Bauchnabelhöhe angebracht. Ach, denkt man, hätten die Quereinsteiger nur weniger quer gedacht und dafür etwas sinnvoller gestaltet.

Gelungen ist das Restaurant Viajante, das man über einen Korridor am Ende des Gebäudes erreicht. Himmelblaue Wände, helle Holztische, skandinavischer Stil der fünfziger Jahre. Hier sitzt man auf Polsterstühlen und schaut zu, wie Nuno Mendes und sein Team in der Showküche herrlich experimentieren und angenehm überraschen. Die gerösteten Rote-Bete-Scheiben mit Ziegenmilch-Tofu, Krebsfleisch und Kürbiskernen sind ebenso delikat wie der Schweinenacken mit Langustinen, Artischocken und Speck. Vielleicht noch ein Drink in der Hotelbar? Da sitzt man schließlich am Tresen unter einer Lichtinstallation, deren Glühbirnen wie Regenwasser von der Decke zu tropfen scheinen. Sie erfreuen das Gemüt, und das wiederum dürfte den asiatischen Hotelier freuen. Sein Ziel nämlich ist es nicht, sinnvolle Lösungen zu finden, sondern "Spaß zu haben". Ob die Gäste das auch so lustig finden, muss sich noch erweisen.

Town Hall Hotel, Patriot Square, E2 9NF London, Tel. 0044-20/78710460, www.townhallhotel.com, DZ ab 270 Euro