Wir alle kennen Tina. Sie sitzt morgens an unserem Frühstückstisch und geht abends mit uns ins Bett. Die Geheimzahl unserer Kreditkarte mögen wir gelegentlich vergessen, an Tina denken wir noch im Schlaf. Tina ist zwar nichts als eine traurige, permanent mit den Achseln zuckende Theorie, ersonnen von ebenso traurigen und permanent mit den Achseln zuckenden Soziologen. Doch dafür hat sie uns im Griff. Wir atmen in ihrem Rhythmus, unser Herz schlägt in ihrem Takt. Mit vollem Namen heißt Tina There is no alternative, zu Deutsch: Es gibt keine Alternative zum westlichen Lebensstil.

Tina ist eine mächtige Göttin. Sie verspricht uns im Tausch gegen unsere Seele Wohlstand und Bequemlichkeit, warme Wohnzimmer, leise surrende Autos, gut geschnittene Anzüge und so weiter. Das ist, verglichen mit anderen göttlichen Leistungsprofilen, wenig, aber zum Ausgleich garantiert uns Tina jedes Jahr mehr von dem wenigen, und kaum jemand möchte sie gegen eine weniger bequeme Gottheit tauschen. Nur wenn Tina mal weghört und gerade wieder irgendwo ein paar Finanzmärkte in die Brüche gehen, ein paar Helden in Depressionen versinken oder große Bahnhöfe unter die Erde gepflügt werden, fragt sich der eine oder andere: Gibt es nicht doch irgendwo auf dieser Welt eine Alternative zu unserem verrückten westlichen Way of Life?

Das kleine Flugzeug auf dem Monitor der Lufthansa-Maschine trudelt gerade irgendwo über Pakistan. Ich lege endlich das neueste, endlos öde Mittelstandsepos von Jonathan Franzen entnervt zur Seite und stimme mich auf mein Reiseziel am anderen Ende der Welt ein. Neben dem gerade hochgelobten Schmöker des Westens, den ich auf der ganzen Reise nie mehr aus der Tasche ziehen werde, habe ich noch eine vergilbte Broschüre im Handgepäck. Es sind Gedanken der französischen Philosophin und Lehrmeisterin Mirra Alfassa, geboren 1878 in Paris, gestorben 1973 in Puducherry, Südindien, eine tief überzeugte Anti-Tina, die von ihren Anhängern nach hinduistischer Tradition "die Mutter" genannt wird. Ein kurzer Text, den sie Ein Traum genannt hat, beginnt so: "Es sollte irgendwo auf der Erde einen Platz geben, an dem die spirituellen Bedürfnisse und die Sorge um geistigen Fortschritt wichtiger sind als die Befriedigung der Bedürfnisse und Leidenschaften, wichtiger als die Suche nach Vergnügen und materiellem Genuss." Aus diesem Traum wurde Wirklichkeit. Im Jahr 1968 wurde in Indien, unweit von Puducherry, der Grundstein zur Verwirklichung dieses Traums gelegt: Auroville, die Stadt der Morgenröte.

Seit Jahren schon wünsche ich mir, nach Auroville zu fahren. Ein Flecken Erde am Golf von Bengalen, aus dem Nichts gebaut, an dem in den siebziger Jahren eine Handvoll Menschen nach den Ideen von Mirra Alfassa versuchten, das Leben noch einmal zu erfinden. Eine neue Stadt zu bauen, eine Gesellschaft zu gründen ohne Konkurrenzkampf, ohne Geld, ohne Egoismus, ohne Examen, ohne Strafen, ohne Autos, ohne Werbung, ohne Schlachthäuser, ohne Hurenhäuser, ohne Schulzwang, ohne Drogen, ohne Fleisch und ohne Alkohol.

Tief in der Nacht erreiche ich das Paradies, 150 Kilometer südlich von Chennai, 7500 Kilometer von Hamburg entfernt, nach zehn Stunden Flug und einer dreistündigen Autofahrt durch schlafende Dörfer, in denen frei herumlaufende Kühe die Durchfahrt versperren. Im Paradies ist es um drei Uhr nachts leer, dunkel und heiß, hier und da sitzen Paradieswächter auf weißen Plastikstühlen an den Weggabelungen und winken uns freundlich weiter. Im Gästehaus Afsanah hat man auf mich gewartet, ich bekomme zur Begrüßung eine Flasche kaltes Aurovillewasser und bleibe mit dem Geschrei der Vögel, der Hitze und den Sternen allein.

Das Paradies habe ich mir nicht so still und nicht so karg vorgestellt. Am Morgen weckt mich zwar kein Autoverkehr, aber auch kein Harfenspiel. Wieder nur das sich überschlagende Rufen der Vögel. Die rote Sandpiste vor dem Gästehaus: leer. Rechts und links neben der Sandpiste: nichts als Bäume. Keine Wegweiser, keine Kaffeehäuser, keine Läden. Irgendwo verloren im grünen Gestrüpp: weiße und lehmfarbene Architektenhäuser, die vor dreißig Jahren mit ihren ehrgeizig geschwungenen Dächern, üppigen Rundungen oder kühnen Winkeln mal der letzte Schrei gewesen sein mögen. Das erste Gefühl: wie Eva im Urwald, kurz nachdem die Sache mit dem Apfel und der Schlange passiert ist. Nur viel heißer.

In diesem Paradies brauchen Adam und Eva einen Motorradführerschein

Als sich in den frühen siebziger Jahren die ersten europäischen Aussteiger und Indienfahrer, die im Aschram bei Mirra Alfassa im benachbarten Puducherry hängen geblieben waren, in Auroville ansiedelten, war hier noch Ödnis. Mirra Alfassa entwarf gemeinsam mit dem Pariser Architekten Roger Anger auf dem Reißbrett eine futuristische Stadt in Form eines galaktischen Spiralnebels. Man baute ein paar Hütten, deckte die Dächer mit Bambus und Palmwedeln, schichtete Dämme auf, um den Monsunregen zu kanalisieren, machte die Landschaft fruchtbar und pflanzte Bäume. Mit bloßen Händen, hölzernen Baugerüsten und Erdkrügen, die von Hand zu Hand, von Kopf zu Kopf gereicht wurden, begann man die Stadt der Zukunft zu errichten. Von der Energie, die von der Mutter und dem Gemeinschaftsgeist der ersten Jahre ausgegangen sein muss, erzählen die weißhaarig gewordenen Ureinwohner, asketische, beeindruckende Senioren, die ich beim Mittagessen in der Gemeinschaftsküche treffe, noch heute mit leuchtenden Augen.

 

Bewohner posieren gutgelaunt im Sadhana Forest in Auroville, Indien

Alte Bilder zeigen sehr junge und sehr ernste Menschen in Shorts und mit beseelten Gesichtern, die am Paradies auf Erden bauen. Als Mirra Alfassa 1973 hochbetagt starb, war noch nicht viel davon zu sehen. Die ursprünglich geplanten Zonen der Stadt, eingeteilt nach ihrer Nutzung in Arbeits-, Kultur-, Wohn- und internationale Zone, umschlossen von einem landwirtschaftlichen Gürtel, sind noch immer nicht vollendet. Gerade entstehen zahlreiche mehrstöckige Apartmenthäuser, merkwürdige weiße Raumschiffe im Grün. Das Matrimandir, ein gigantischer, technisch aufwendiger Bau mit einer beeindruckenden ganz in Weiß gehaltenen Meditationshalle, wurde erst 2008 fertig. Die vergoldete Kuppel sieht aus, als hätten Außerirdische ein riesiges Ei in der Mitte dieses Dschungelstädtchens versehentlich fallen gelassen.

Das Paradies ist keine rückwärtsgewandte Idylle aus selbst gewebten Leinenkleidern und liebevoll beschilderten Wanderwegen. Adam und Eva brauchen hier zumindest einen Motorradführerschein, ein Motorrad und etwas Benzin, denn Auroville ist weitläufig, zum Radfahren zu feucht und zu heiß (im Sommer über 40, im Frühherbst noch immer über 35 Grad). Weil ich bereits an diesem ersten paradiesischen Anforderungsprofil scheitere und mich außerdem in dem Gewirr aus immer gleich aussehenden leuchtend roten Sandwegen, die durch den dichten Urwald führen, nie zurechtfinden würde, holt mich Lisa auf ihrem Motorrad ab.

Lisa ist eine junge, energische Deutsche mit langem blondem Haar, hellem Teint und grünblauen Augen. Obwohl sie auf Englisch träumt, spricht sie akzentfrei Deutsch, mit indischer Satzmelodie. Sie ist eine typische Aurovillianerin, international, ernsthaft und hilfsbereit, voller Begeisterung und alles andere als romantisch. Ihre momentane Beschäftigungslage ist wie bei den meisten Aurovillianern, die den ganzen Tag über auf dem Weg von einem Termin zum nächsten mit wehendem Haar und nackten Füßen auf Motorrädern durch den Wald preschen, zumindest angespannt zu nennen: Neben den Unterrichtsstunden, die sie indischen Schulabbrecherinnen in einem der vielen Sozialprojekte gibt, neben den Gästeführungen durch Auroville, dem Frisbee- und Tangounterricht, den Übersetzertätigkeiten bei der Hellinger Familienaufstellung macht Lisa auch noch eine Ausbildung in Heilmedizin und Hypnotherapie. Der Satz, den ich in den nächsten Tagen am häufigsten von ihr hören werde: " I have an appointment" ("Ich habe eine Verabredung").

Ob jung oder alt – alle arbeiten oder meditieren von früh bis spät

Diese Emsigkeit ist angeblich nicht dieselbe, die uns Westler mit hängender Zunge durchs Leben hetzt. Das erklärt mir Herr Chandra, ein pensionierter Hamburger Airbus-Ingenieur, der in Auroville eine Berufsschule für junge Inder gründete, zu der mich Lisa quer durch tamilische Dörfer, Kuh- und Ziegenherden kutschiert hat. Der unermüdliche Arbeitseifer der Aurovillianer, sagt Herr Chandra, diene nicht der Wohlstandsmehrung. Er hänge mit dem Karma-Yoga, dem Yoga der Arbeit, zusammen.

Spätestens hier muss ein großer Name in Leuchtbuchstaben erwähnt werden: Sri Aurobindo, geboren 1872, aufgewachsen in England, gestorben 1950 in Puducherry. Der indische Freiheitskämpfer, Philosoph, Literaturwissenschaftler, Dichter, Erleuchtete, Gründer des Aschrams in Puducherry, Gefährte von Mirra Alfassa, ist die Leitfigur dieses Paradiesprojektes. Seine Schriften stehen in Auroville in jedem Haus. Man studiert sie in privaten Lesezirkeln oder in dem Forschungszentrum Savitri-Bhavan, wo man Aurobindos weltumspannendes Epos Savitri mit den annähernd tausend Seiten in englischen Pentametern gerade zum sechsten Mal gemeinsam auslegt. Bei Vollmond wird auch draußen an der Sri-Aurobindo-Statue aus den Werken des Dichters vorgelesen.

Wir halten hier mal einen Moment an. Denn an dieser heiklen Stelle des Berichtes könnte die westliche Paradies-Besucherin sich die Sache einfach machen. Nichts fällt dem Ungläubigen leichter als ein ironischer Unterton in Glaubensfragen. Doch ohne den Glauben an ein höchstes Bewusstsein – man darf auch Gott sagen – gäbe es Auroville nicht. Genauso wenig wie die vielen ernsthaften Gesichter, die vergeistigten Hugo-Ball- und Joan-Baez-Gestalten, die mittags in der Essensschlange der solar betriebenen Gemeinschaftsküche auf ein köstliches indisches Gericht warten. Denn der eigentliche Grund, aus dem man in Auroville nicht zwischen 95 Joghurtsorten wählen kann, keine Parkplatzsorgen und keine Steuerberater kennt, ist nicht nur der Überdruss am westlichen Materialismus. Es ist Sri Aurobindos Lehre von der Einheit in der Vielheit und vom geistigen Wachstum.

Das klingt gut, ist aber offensichtlich mindestens so arbeitsintensiv wie unser Geschufte fürs Bruttosozialprodukt. Den ganzen Tag über sieht man die Aurovillianer nicht, weil sie alle, vom Jüngsten bis zum Ältesten, pausenlos arbeiten. Und wenn die wenigen Restaurants um 21 Uhr schließen und außer den anschwellenden Gesängen des Gehirnfiebervogels nichts mehr zu hören ist, arbeiten oder meditieren sie noch immer. Zerstreuung und Unterhaltung sind Werte aus einer Lebenswährung, die in Auroville nicht in Umlauf ist. Wenn man sich nach außen "verlebt", erklärt mir Lisas Mutter Ela, dann kann die innere Flamme, die in uns brennt, verlöschen, dann lebt man an seinem Dharma vorbei. Und außerdem: Wozu braucht der Mensch noch Freizeitvergnügen, wenn die Arbeit doch keine Arbeit mehr ist, sondern das ganze tief empfundene Leben?

 

In Auroville steht man früh auf. Die Dream-Catcher-Gruppe, die über die neue solar- und windradgestützte Architektur Aurovilles nachdenkt, trifft sich seit Jahren morgens um sechs. Danach tagt die Housing-Gruppe. Sie legt die Vergabe des Wohnraumes fest, für den jeder Neu-Aurovillianer je nach Wohnraumbedarf eine Summe zwischen 13000 und 50000 Euro bezahlen muss, die er bei Abbruch des Auroville-Experimentes nicht zurückbekommt. Womöglich trifft sich auch noch die Newcomer-Gruppe, die über die Aufnahme der neuen Aurovillianer (nach ein bis zwei Probejahren) entscheidet. Vielleicht auch noch die Finanzgruppe, die das Geld verwaltet, das die Auroville-Betriebe an die Gemeinschaft abführen. Regierung und Administration sind ein oft chaotischer, basisdemokratischer Prozess. Alle großen Auroville-Themen – das Ideal der vereinten Menschheit, Spiritualität, Zukunftsfähigkeit, Nachhaltigkeit, Sozialarbeit, Internationalität, innere und äußere Entwicklung – werden in einem endlosen Diskussionsprozess zusammengeführt.

Was bisher davon zu sehen ist, ist ein komfortables, aber einfaches Leben von ungefähr 2000 Menschen aus 44 Nationen (davon jedoch 41 Prozent Inder, 15 Prozent Franzosen, 13 Prozent Deutsche, 5 Prozent Italiener und 4 Prozent Niederländer). In zum Teil abenteuerlichen und fantasievollen, zum Teil öden, futuristischen (die Aurovillianer sagen: "visionären") Bauten leben sie ein erfülltes Leben. Für Besucher und Einwanderer ist Auroville offen (es gibt einige sehr schöne Gästehäuser), sofern man sich an den aurovillianischen Lebensstil anpasst. Geld ist als tägliches Zahlungsmittel kaum noch im Einsatz. Doch obwohl alle denselben monatlichen Freibetrag bekommen, im free store Grundnahrungsmittel und gebrauchte Kleidung frei erhalten, sind soziale Unterschiede zu sehen. Niemand soll sich einem gleichmacherischen Zwang unterwerfen. So gibt es auch hier die Schweizer Familie mit der großen Villa, die man hinter dem üppigen Park kaum sieht. Es gibt die Dame mit dem Pariser Haarschnitt und den langen Ohrgehängen. Es gibt die vielen tamilischen Hausangestellten, die kochen, putzen, Ochsenkarren steuern, mit der Handsichel den Rasen mähen. Ausschließlich von der Arbeit als Lehrer, Koch, Reinigungskraft oder Kindergärtnerin lebt nur ein Fünftel der Aurovillianer. Das Besondere an Auroville ist nur, dass man es auch bleiben lassen kann.

Nach Hause, nach Rom, Paris, Amsterdam, Brüssel oder Oldenburg, fahren die Aurovillianer kaum noch. Sie fühlen sich fremd im kalten Westen. "Was soll ich mir in Paris die Gesichter in der Metro ansehen?", sagt Jean-Yves, Ende fünfzig, barfuß, Pferdeschwanz, im früheren Leben Manager, in Auroville Weltgeschichtslehrer an der Last School (fünfzehn Schüler, zehn Lehrer), an der es keine Noten und keine Abschlüsse gibt und jeder Schüler seinen Stundenplan selber zusammenstellen kann. Um seine Schüler, sagt er, reiße man sich überall auch ohne förmliche Abschlüsse, weil die völlig verschulten Kinder des westlichen Leistungssystems für die postindustrielle Arbeitsgesellschaft, in der immaterielle Werte immer wichtiger würden, viel schlechter ausgerüstet seien.

Alle sagen dasselbe. Die ehemalige Lufthansa-Stewardess aus Hamburg, die ehemalige Professorin für englische Literatur aus London, der ehemalige Student aus Lille, die ehemalige Physiotherapeutin aus München – niemand scheint in diesem heißen Urwald mit seiner ufomäßigen Reißbrett-Architektur, in dem es keine Schaufenster, keine Pensionsgrenze und keinen Urlaubsanspruch gibt, auch nur irgendetwas zu vermissen. Oder vielleicht doch eines: die über Jahrzehnte gewachsenen Freundschaften, die man zu Hause zurückgelassen hat.

Einsam aber ist niemand. Wer krank wird, kann sich genauso auf die Gemeinschaft verlassen wie Alte und Hilfsbedürftige. Noch ist alles in der Balance. Wie es sich anfühlen wird, wenn hier irgendwann einmal mehrere Zehntausend Menschen mit ihren Motorrädern durch die Nacht knattern, kann man sich noch nicht vorstellen. Aber Auroville hat das Wunder vollbracht, den alten Geldmenschen zu überwinden, und wird auch mit solchen Kleinigkeiten fertigwerden.

Am letzten Abend fahren Lisa und ich zum Matrimandir, ins Zentrum Aurovilles. Im benachbarten Amphitheater hören wir im Sonnenuntergang eine Tonbandaufzeichnung von Mirra Alfassa. Mit ihrer weit ausschwingenden, schon ein wenig zerbrechlichen Tragödinnenstimme deklamiert sie die Anfangsverse des großen Epos von Sri Aurobindo: "Es war die Stunde bevor die Götter erwachen. / Über dem Pfad des göttlichen Geschehens / lag einsam der Geist der Nacht / in ihrem ewigen Tempel / unbeweglich hingestreckt am Rand der Stille." Wie zur Bestätigung dieser göttlichen Stunde durchzieht eine Schar großer Vögel den entflammten Himmel über dem dunklen Wald. Die Abendluft ist wie grauer Samt. Dann ist es wirklich sehr still. Und mir scheint, selbst Tina hält ein paar selige Sekunden lang einfach mal die Klappe.