Bewohner posieren gutgelaunt im Sadhana Forest in Auroville, Indien

Alte Bilder zeigen sehr junge und sehr ernste Menschen in Shorts und mit beseelten Gesichtern, die am Paradies auf Erden bauen. Als Mirra Alfassa 1973 hochbetagt starb, war noch nicht viel davon zu sehen. Die ursprünglich geplanten Zonen der Stadt, eingeteilt nach ihrer Nutzung in Arbeits-, Kultur-, Wohn- und internationale Zone, umschlossen von einem landwirtschaftlichen Gürtel, sind noch immer nicht vollendet. Gerade entstehen zahlreiche mehrstöckige Apartmenthäuser, merkwürdige weiße Raumschiffe im Grün. Das Matrimandir, ein gigantischer, technisch aufwendiger Bau mit einer beeindruckenden ganz in Weiß gehaltenen Meditationshalle, wurde erst 2008 fertig. Die vergoldete Kuppel sieht aus, als hätten Außerirdische ein riesiges Ei in der Mitte dieses Dschungelstädtchens versehentlich fallen gelassen.

Das Paradies ist keine rückwärtsgewandte Idylle aus selbst gewebten Leinenkleidern und liebevoll beschilderten Wanderwegen. Adam und Eva brauchen hier zumindest einen Motorradführerschein, ein Motorrad und etwas Benzin, denn Auroville ist weitläufig, zum Radfahren zu feucht und zu heiß (im Sommer über 40, im Frühherbst noch immer über 35 Grad). Weil ich bereits an diesem ersten paradiesischen Anforderungsprofil scheitere und mich außerdem in dem Gewirr aus immer gleich aussehenden leuchtend roten Sandwegen, die durch den dichten Urwald führen, nie zurechtfinden würde, holt mich Lisa auf ihrem Motorrad ab.

Lisa ist eine junge, energische Deutsche mit langem blondem Haar, hellem Teint und grünblauen Augen. Obwohl sie auf Englisch träumt, spricht sie akzentfrei Deutsch, mit indischer Satzmelodie. Sie ist eine typische Aurovillianerin, international, ernsthaft und hilfsbereit, voller Begeisterung und alles andere als romantisch. Ihre momentane Beschäftigungslage ist wie bei den meisten Aurovillianern, die den ganzen Tag über auf dem Weg von einem Termin zum nächsten mit wehendem Haar und nackten Füßen auf Motorrädern durch den Wald preschen, zumindest angespannt zu nennen: Neben den Unterrichtsstunden, die sie indischen Schulabbrecherinnen in einem der vielen Sozialprojekte gibt, neben den Gästeführungen durch Auroville, dem Frisbee- und Tangounterricht, den Übersetzertätigkeiten bei der Hellinger Familienaufstellung macht Lisa auch noch eine Ausbildung in Heilmedizin und Hypnotherapie. Der Satz, den ich in den nächsten Tagen am häufigsten von ihr hören werde: " I have an appointment" ("Ich habe eine Verabredung").

Ob jung oder alt – alle arbeiten oder meditieren von früh bis spät

Diese Emsigkeit ist angeblich nicht dieselbe, die uns Westler mit hängender Zunge durchs Leben hetzt. Das erklärt mir Herr Chandra, ein pensionierter Hamburger Airbus-Ingenieur, der in Auroville eine Berufsschule für junge Inder gründete, zu der mich Lisa quer durch tamilische Dörfer, Kuh- und Ziegenherden kutschiert hat. Der unermüdliche Arbeitseifer der Aurovillianer, sagt Herr Chandra, diene nicht der Wohlstandsmehrung. Er hänge mit dem Karma-Yoga, dem Yoga der Arbeit, zusammen.

Spätestens hier muss ein großer Name in Leuchtbuchstaben erwähnt werden: Sri Aurobindo, geboren 1872, aufgewachsen in England, gestorben 1950 in Puducherry. Der indische Freiheitskämpfer, Philosoph, Literaturwissenschaftler, Dichter, Erleuchtete, Gründer des Aschrams in Puducherry, Gefährte von Mirra Alfassa, ist die Leitfigur dieses Paradiesprojektes. Seine Schriften stehen in Auroville in jedem Haus. Man studiert sie in privaten Lesezirkeln oder in dem Forschungszentrum Savitri-Bhavan, wo man Aurobindos weltumspannendes Epos Savitri mit den annähernd tausend Seiten in englischen Pentametern gerade zum sechsten Mal gemeinsam auslegt. Bei Vollmond wird auch draußen an der Sri-Aurobindo-Statue aus den Werken des Dichters vorgelesen.

Wir halten hier mal einen Moment an. Denn an dieser heiklen Stelle des Berichtes könnte die westliche Paradies-Besucherin sich die Sache einfach machen. Nichts fällt dem Ungläubigen leichter als ein ironischer Unterton in Glaubensfragen. Doch ohne den Glauben an ein höchstes Bewusstsein – man darf auch Gott sagen – gäbe es Auroville nicht. Genauso wenig wie die vielen ernsthaften Gesichter, die vergeistigten Hugo-Ball- und Joan-Baez-Gestalten, die mittags in der Essensschlange der solar betriebenen Gemeinschaftsküche auf ein köstliches indisches Gericht warten. Denn der eigentliche Grund, aus dem man in Auroville nicht zwischen 95 Joghurtsorten wählen kann, keine Parkplatzsorgen und keine Steuerberater kennt, ist nicht nur der Überdruss am westlichen Materialismus. Es ist Sri Aurobindos Lehre von der Einheit in der Vielheit und vom geistigen Wachstum.

Das klingt gut, ist aber offensichtlich mindestens so arbeitsintensiv wie unser Geschufte fürs Bruttosozialprodukt. Den ganzen Tag über sieht man die Aurovillianer nicht, weil sie alle, vom Jüngsten bis zum Ältesten, pausenlos arbeiten. Und wenn die wenigen Restaurants um 21 Uhr schließen und außer den anschwellenden Gesängen des Gehirnfiebervogels nichts mehr zu hören ist, arbeiten oder meditieren sie noch immer. Zerstreuung und Unterhaltung sind Werte aus einer Lebenswährung, die in Auroville nicht in Umlauf ist. Wenn man sich nach außen "verlebt", erklärt mir Lisas Mutter Ela, dann kann die innere Flamme, die in uns brennt, verlöschen, dann lebt man an seinem Dharma vorbei. Und außerdem: Wozu braucht der Mensch noch Freizeitvergnügen, wenn die Arbeit doch keine Arbeit mehr ist, sondern das ganze tief empfundene Leben?