In Auroville steht man früh auf. Die Dream-Catcher-Gruppe, die über die neue solar- und windradgestützte Architektur Aurovilles nachdenkt, trifft sich seit Jahren morgens um sechs. Danach tagt die Housing-Gruppe. Sie legt die Vergabe des Wohnraumes fest, für den jeder Neu-Aurovillianer je nach Wohnraumbedarf eine Summe zwischen 13000 und 50000 Euro bezahlen muss, die er bei Abbruch des Auroville-Experimentes nicht zurückbekommt. Womöglich trifft sich auch noch die Newcomer-Gruppe, die über die Aufnahme der neuen Aurovillianer (nach ein bis zwei Probejahren) entscheidet. Vielleicht auch noch die Finanzgruppe, die das Geld verwaltet, das die Auroville-Betriebe an die Gemeinschaft abführen. Regierung und Administration sind ein oft chaotischer, basisdemokratischer Prozess. Alle großen Auroville-Themen – das Ideal der vereinten Menschheit, Spiritualität, Zukunftsfähigkeit, Nachhaltigkeit, Sozialarbeit, Internationalität, innere und äußere Entwicklung – werden in einem endlosen Diskussionsprozess zusammengeführt.

Was bisher davon zu sehen ist, ist ein komfortables, aber einfaches Leben von ungefähr 2000 Menschen aus 44 Nationen (davon jedoch 41 Prozent Inder, 15 Prozent Franzosen, 13 Prozent Deutsche, 5 Prozent Italiener und 4 Prozent Niederländer). In zum Teil abenteuerlichen und fantasievollen, zum Teil öden, futuristischen (die Aurovillianer sagen: "visionären") Bauten leben sie ein erfülltes Leben. Für Besucher und Einwanderer ist Auroville offen (es gibt einige sehr schöne Gästehäuser), sofern man sich an den aurovillianischen Lebensstil anpasst. Geld ist als tägliches Zahlungsmittel kaum noch im Einsatz. Doch obwohl alle denselben monatlichen Freibetrag bekommen, im free store Grundnahrungsmittel und gebrauchte Kleidung frei erhalten, sind soziale Unterschiede zu sehen. Niemand soll sich einem gleichmacherischen Zwang unterwerfen. So gibt es auch hier die Schweizer Familie mit der großen Villa, die man hinter dem üppigen Park kaum sieht. Es gibt die Dame mit dem Pariser Haarschnitt und den langen Ohrgehängen. Es gibt die vielen tamilischen Hausangestellten, die kochen, putzen, Ochsenkarren steuern, mit der Handsichel den Rasen mähen. Ausschließlich von der Arbeit als Lehrer, Koch, Reinigungskraft oder Kindergärtnerin lebt nur ein Fünftel der Aurovillianer. Das Besondere an Auroville ist nur, dass man es auch bleiben lassen kann.

Nach Hause, nach Rom, Paris, Amsterdam, Brüssel oder Oldenburg, fahren die Aurovillianer kaum noch. Sie fühlen sich fremd im kalten Westen. "Was soll ich mir in Paris die Gesichter in der Metro ansehen?", sagt Jean-Yves, Ende fünfzig, barfuß, Pferdeschwanz, im früheren Leben Manager, in Auroville Weltgeschichtslehrer an der Last School (fünfzehn Schüler, zehn Lehrer), an der es keine Noten und keine Abschlüsse gibt und jeder Schüler seinen Stundenplan selber zusammenstellen kann. Um seine Schüler, sagt er, reiße man sich überall auch ohne förmliche Abschlüsse, weil die völlig verschulten Kinder des westlichen Leistungssystems für die postindustrielle Arbeitsgesellschaft, in der immaterielle Werte immer wichtiger würden, viel schlechter ausgerüstet seien.

Alle sagen dasselbe. Die ehemalige Lufthansa-Stewardess aus Hamburg, die ehemalige Professorin für englische Literatur aus London, der ehemalige Student aus Lille, die ehemalige Physiotherapeutin aus München – niemand scheint in diesem heißen Urwald mit seiner ufomäßigen Reißbrett-Architektur, in dem es keine Schaufenster, keine Pensionsgrenze und keinen Urlaubsanspruch gibt, auch nur irgendetwas zu vermissen. Oder vielleicht doch eines: die über Jahrzehnte gewachsenen Freundschaften, die man zu Hause zurückgelassen hat.

Einsam aber ist niemand. Wer krank wird, kann sich genauso auf die Gemeinschaft verlassen wie Alte und Hilfsbedürftige. Noch ist alles in der Balance. Wie es sich anfühlen wird, wenn hier irgendwann einmal mehrere Zehntausend Menschen mit ihren Motorrädern durch die Nacht knattern, kann man sich noch nicht vorstellen. Aber Auroville hat das Wunder vollbracht, den alten Geldmenschen zu überwinden, und wird auch mit solchen Kleinigkeiten fertigwerden.

Am letzten Abend fahren Lisa und ich zum Matrimandir, ins Zentrum Aurovilles. Im benachbarten Amphitheater hören wir im Sonnenuntergang eine Tonbandaufzeichnung von Mirra Alfassa. Mit ihrer weit ausschwingenden, schon ein wenig zerbrechlichen Tragödinnenstimme deklamiert sie die Anfangsverse des großen Epos von Sri Aurobindo: "Es war die Stunde bevor die Götter erwachen. / Über dem Pfad des göttlichen Geschehens / lag einsam der Geist der Nacht / in ihrem ewigen Tempel / unbeweglich hingestreckt am Rand der Stille." Wie zur Bestätigung dieser göttlichen Stunde durchzieht eine Schar großer Vögel den entflammten Himmel über dem dunklen Wald. Die Abendluft ist wie grauer Samt. Dann ist es wirklich sehr still. Und mir scheint, selbst Tina hält ein paar selige Sekunden lang einfach mal die Klappe.