In einem satirischen Essay hat uns Mark Twain acht Vorschläge zur Verbesserung der deutschen Sprache unterbreitet, darunter den folgenden: "Siebtens würde ich die Parenthese abschaffen. Desgleichen die Überparenthese, die Oberüberparenthese, die Außenrumoberüberparenthese und schließlich auch die letzte, weitreichende, alles umfassende Hauptparenthese. Ich würde von jedermann, ob hoch oder niedrig, verlangen, dass er mir einfach und geradezu mit dem kommt, was er mir erzählen will, oder aber seine Geschichte zusammenrollt und sich draufsetzt und Ruhe gibt."

Es gehört in der Tat zur Eigenart des Deutschen – die übrigens mit seiner Aneignung der lateinischen Syntax zusammenhängt –, dass es die Hypotaxe (Mark Twain nennt sie Parenthese) besonders liebt, also die aus Haupt- und Nebensätzen gebildete Konstruktion. Wer sie beherrscht, erreicht eine größere Subtilität und Genauigkeit. Im widrigen Fall jedoch entstehen die von Mark Twain gehassten, zumeist unverständlichen Schachtelsätze, bei denen man "das Verb mit dem Fernrohr suchen muss", wie er tadelnd bemerkte.

Wenn Mark Twain Kleists Prosa gelesen hätte, dann wäre sie ihm zunächst als der schiere hypotaktische Horror erschienen. Vielleicht aber hätte er nach und nach bemerkt, dass die von Kleist errichteten Architekturen aus Haupt- und Nebensätzen einzigartige Kunstwerke sind, und man kann sagen, dass Kleists Beitrag zur Verbesserung des Deutschen hauptsächlich darin bestand, dessen Ausdrucksfähigkeit bis an die Grenze des Möglichen und Erträglichen ausgedehnt zu haben.

Kleist machte das keineswegs zum Spaß. Seine syntaktischen Konstruktionen gleichen den Viadukten, wie sie in alten Filmen manchmal zu sehen sind, jenen aus zahllosen Verstrebungen und Verbindungen gebauten Brücken, die spinnwebhaft-filigran gewaltige Abgründe überspannen. Gerade dann, wenn Kleist sich solchen Abgründen der Seele und des Schicksals nähert, baut er diese zerbrechlich wirkenden Hypotaxen, und wenn der Leser sie beschreitet, ergreifen ihn Schwindelgefühle und die Furcht, die Brücke könnte brechen.

Die von Kleist gebauten Sprachbrücken brechen nie, aber sie zittern im Anblick des Ungeheuerlichen: "Littegarde stand bleich wie Kreide, vom Boden auf; sie bat, indem sie seinen Mißhandlungen schweigend auswich, ihr wenigstens zur Anordnung der erforderten Abreise die nötige Zeit zu lassen; doch Rudolf antwortete weiter nichts, als, vor Wut schäumend: hinaus, aus dem Schloß! dergestalt, daß da er auf seine eigne Frau, die ihm mit der Bitte um Schonung und Menschlichkeit, in den Weg trat, nicht hörte, und Sie, durch einen Stoß mit dem Griff des Schwerts, der ihr das Blut fließen machte, rasend auf die Seite warf, die unglückliche Littegarde, mehr tot als lebendig, das Zimmer verließ: sie wankte, von den Blicken der gemeinen Menge umstellt, über den Hofraum der Schloßpforte zu, wo Rudolf ihr ein Bündel mit Wäsche, wozu er einiges Geld legte, hinausreichen ließ, und selbst hinter ihr, unter Flüchen und Verwünschungen, die Torflügel verschloß."

Rudolf – in der Erzählung Der Zweikampf – ist Littegardes Bruder, der den ehrverletzenden, am Ende haltlosen Vorwürfen gegen die Schwester aus niedrigen Motiven Glauben schenkt und sie hinauswirft. Er könnte, um sein Ziel zu erreichen, deutlich entspannter vorgehen, wie man heute sagen würde. Dass er in eine Raserei gerät, von der auch die eigene Gattin nicht verschont bleibt, deutet auf einen Überschuss an Gewaltbereitschaft und Gewaltlust hin, und ebendies ist der Abgrund, über den der Satz sich spannt. Er schließt mit dem in Rudolfs Kopf vorweg ergangenen Beschluss: "...und hinter ihr die Torflügel verschloß".

Die nicht mehr rational begründbare, die sich selbst genießende Gewalt ist Kleists Trauma und Thema. Wer die Berichte über jugendliche Täter und den Blutrausch, in den sie zum Schrecken der Gesellschaft zuweilen geraten, verfolgt, wird nicht glauben, dies sei lediglich Kleists Problem gewesen. Die Gewalt, die ihren Zweck in sich selber findet, ist eines der finstersten Geheimnisse überhaupt, und die Modernität Kleists besteht darin, dass er ihm so nahe gekommen ist wie kein anderer . Im Erdbeben in Chili lesen wir: "Meister Pedrillo schlug sie mit der Keule nieder. Darauf ganz mit ihrem Blute besprützt: schickt ihr den Bastard zur Hölle nach! rief er, und drang, mit noch ungesättigter Mordlust, von neuem vor." Die ungesättigte, die niemals satte Mordlust, sie ist Kleists Thema. 

Es beherrscht auch seine berühmteste Erzählung Michael Kohlhaas . Sie beginnt mit dem Satz: "An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit." Dieser Kohlhaas gerät durch obrigkeitliche Willkür mit einem Junker von Tronka aneinander. Bei dem Versuch, zu seinem Recht zu kommen, wird er immer tiefer in einen Strudel der Rechtlosigkeit hinabgezogen, sodass er am Ende beschließt, sich selber Genugtuung zu verschaffen und einen Privatkrieg zu führen.