Wie relativ unsere Werte und Urteile sind, zeigt die Geschichte von Kleists Nachruhm auf extreme Weise. Das Fieberhafte und Hysterische der Dichtungen wurde für die meisten Zeitgenossen durch den Selbstmord des Dichters bestätigt. Heinrich von Kleist war allenfalls bemitleidenswert, sein Selbstmord aber keinesfalls ein heroischer Akt mit ästhetischem Mehrwert, eher eine Warnung, wohin die neueste Schule des "poetischen Mystizismus" führen kann. Und eine Bestätigung für Goethes Verdikt, dass das Romantische das Kranke sei.

Je mehr dann vor allem von der Mitte des 19. Jahrhunderts an Kleists Ruhm wuchs, desto mehr verwandelte sich sein Selbstmord in ein authentisches Zeichen, das dem Kleistschen Werk das Siegel der Wahrheit aufdrückte. Der Dichter litt einfach zu sehr an der Unvollkommenheit seiner Zeit. Wer die Exaltationen Penthesileas für allzu rhetorisch gehalten haben mochte, beugte sich der Wahrheit dieser letzten konsequenten Tat. Dass Goethe sich dieses hitzige Gemüt nach Kräften vom Leib gehalten hatte, wurde nun als Zeichen der Gefühlskälte des Weimarer Dichterfürsten gesehen. Seither und bis heute bedienen sich alle Parteien Kleists Selbstmord, um ihn dem Gegner im Tonfall moralischer Erschütterung unter die Nase zu reiben. Vom nationalen Standpunkt aus zerbrach Kleist an der Mutlosigkeit und der Appeasement-Politik Friedrich Wilhelms III. gegen Napoleon, vom marxistischen Standpunkt aus trieben Kleist die Widersprüche seiner Klassenherkunft als preußischer Junker und Garde-Offizier in den Selbstmord. Verantwortlich für den Selbstmord war nie Kleist, sondern stets der jeweilige historisch-politische Gegner.

Als die Deutschen Kleist dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur nationalen Befreiungsfigur erhöhten, musste das Heldische irgendwie mit dem Melancholischen versöhnt werden. Die griffige Formel dafür fand Wladimir von Hartlieb, der Kleist in einem lyrischen Hymnus mit "Lorbeer und Dornen" kränzen wollte. Da war das Triumphalistisch-Sieghafte des Befreiungskriegers (Lorbeer) amalgamiert mit der Dornenkrone des Märtyrers, der sein Leben drangab für die Freiheit.

Rezeptionsgeschichte ist immer Vereinnahmungsgeschichte. In Kleists Falle ist sie sogar besonders lehrreich, weil sein Werk voller Parolen steckt, die sich für politische Indienstnahme anbieten: "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs" ist nur die berühmteste. Ja, Kleist hat sein Werk in gefährlicher Weise an die Grenze der Propaganda herangeführt. Er war der Dichter der totalen Mobilmachung gegen den Erzfeind Napoleon. In der Hermannsschlacht entwickelte Kleist bis in die praktisch-konkrete Umsetzung hinein eine Theorie des Partisanenkriegs gegen Napoleon.

Aber das Seltsame ist: Kleist radikalisiert diesen poetischen Kampfgeist so sehr, dass er plötzlich mehrdeutig und unheimlich wird. "Schlagt ihn tot – das Weltgericht / fragt euch nach den Gründen nicht", dichtete er in seiner Germania-Ode. Dass man den Erzfeind Napoleon totschlagen soll , leuchtet noch ein. Dass dabei Gründe aber gar keine Rolle mehr spielen sollen, berührt dann schon den Nihilismus. Auch Kleists Partisanentheorie folgt einer Logik der Eskalation. Die Hermannsschlacht ist eine psychotaktische Anleitung zur Enthemmung. Hermann lässt seine Leute, als Römer verkleidet, sengend durch die eigenen Dörfer ziehen. So soll der Hass der Germanen gegen das römische Besatzungsheer geweckt werden. Thuiskomar, der die Strategie der verbrannten Erde noch nicht begriffen hat, hält Hermann vor: "Die eignen Fluren sollen wir verheeren –? (...) Das eben, Rasender, das ist es ja, / Was wir in diesem Krieg verteidigen wollen!" Hermann, kalt: "Nun denn, ich glaubte, eure Freiheit wärs."

Man kann verstehen, dass Friedrich Wilhelm III. nicht bereit war, Kleists Hermannsschlacht zur Blaupause seiner Napoleon-Politik zu machen. Da steckte zu viel Destruktion drin. Kleists Eskalationsfantasien waren selbst für Propagandazwecke zu überdreht und extremistisch.  

Trotzdem hat man vor allem nach 1871 immer wieder versucht, Kleist zum Dichter der deutschen Nationenbildung zu stilisieren. Im Sinne der nationalsozialistischen Kulturpolitik erklärte Josef Nadler 1935, Kleist sei "eine Stafette auf dem Wege von Kant und Goethe zu Bismarck" gewesen. Und schon 1924 rühmte Ernst Bertram Kleists prophetisches Schaffen: Sein Hermann trage " die entscheidenden Charakterzüge Bismarcks ". Nur Bismarck selbst war sich dieser Sache nicht so sicher. Gerade der preußisch-patriotische Prinz Friedrich von Homburg war ihm nicht geheuer. Ein preußischer Offizier, der angesichts seines eigenen offenen Grabes von Todesfurcht ergriffen wird, passte nicht ins männliche Soldatenbild. Bismarck hält den Prinzen von Homburg deshalb für "ein schwächliches Stück" – "denn dieser Prinz", so der Reichskanzler, "ist doch ein schwaches Rohr – mit seiner Todesfurcht".

Dass der glänzende Held auch "ein schwaches Rohr" ist, das macht die Unausdeutbarkeit von Kleists Werk aus. So konnte man nach 1945 mit nicht weniger einschlägigen Textstellen einen "linken" Kleist entdecken. Claus Peymann inszenierte die Hermannsschlacht als Entwurf zur Stadtguerilla, in dessen Szenen er die RAF-Psychodynamik reflektierte. Und auch die DDR ordnete Kleist – wenn auch mit Bauchgrimmen – dem sozialistischen Erbe zu, indem sie im Dichter des Kohlhaas den Kritiker feudaler Privilegien feierte. Schon 1927 hatte Wilhelm Herzog in der Roten Fahne erklärt: "Ja, er war ein preußischer Junker, Sproß eines alten Adelsgeschlechts. Aber was für ein Junker war er! Er war ein Aufrührer, ein Rebell, politisch: ein Anarchist."

Und wir Heutigen, sind wir weiser? Wir Postmodernen, die wir den Weltbürgerkrieg hinter uns gelassen haben, rühmen das Sprachgenie Kleist, dessen poetische Mehrdeutigkeiten auf keinen Begriff zu bringen seien. Wir reden allenfalls von der Gewalt der Zeichen. Aber auch diese Lektüre dürfte dermaleinst als ideologisch belächelt werden.