"Niemand liebt bewaffnete Missionare" – die jüngste Bestätigung dieser berühmten Einsicht Robespierres aus der Zeit der Französischen Revolution stammt aus Afghanistan. Die Umfragen, die den ramponierten Ruf des Westens und die Abwendung der Bevölkerung von westlichen Modernisierungsplänen dokumentieren, zeugen von der Schwierigkeit, in und mit Kriegen zu überzeugen. Herzen und Köpfe, lautet das vorläufige Fazit, sind nicht gewonnen worden. Eine Gefahr, derer sich die Militärs trotz anderslautender Rhetorik früh bewusst waren – und das nicht nur in Afghanistan.

Am 1. Mai 2003, etwa sechs Wochen nach dem Angriff auf den Irak, landete George W. Bush an Bord eines U-Boot-Jägers auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln. Im Anzug eines Kampfpiloten präsentierte sich der US-Präsident vor einer Kulisse aus Stahl mit einer ebenso schlichten wie triumphalen Botschaft: Sieg durch firepower. Wenig später hielt Bush eine der bekanntesten Reden zum Irakkrieg: "mission accomplished". Doch zu diesem Zeitpunkt wusste es eine Reihe jüngerer Offiziere bereits besser. Unkontrollierbare Aufstandsbewegungen ließen erkennen, dass die "Mission" nicht am Ende, sondern am Anfang stand. Im amerikanischen Militär begaben sich die beweglichsten Köpfe auf die Suche nach historischen Orientierungen, die weniger in die Irre führen würden als der hier noch notorische Verweis auf Japan und Deutschland nach 1945.

Von den triumphalen Höhen der Flugzeugträgerplattform führte diese Suche erstaunlich schnell und erstaunlich tief hinab in die Archivkeller der europäischen Kolonialkriegsführung der fünfziger Jahre. Hier stießen die US-Strategen auf Analysen, die als Blaupause für Kriege der Gegenwart zu taugen schienen. Auch in den fünfziger Jahren hatten westliche Demokratien in geografisch und kulturell weit entfernten Regionen asymmetrische Kriege gegen schwer zu identifizierende Guerilla-Einheiten geführt.

Counterinsurgency (Aufstandsbekämpfung) war und ist das Kennwort dieser Kriegsführung. Und auch wenn die hier verwahrten Traditionen wegen der offen imperialistischen Ziele, der systematischen Folter, der Lagersysteme und der immensen Zahlen ziviler Opfer auf den ersten Blick für westliche Demokratien ungenießbar erscheinen – aus den Beständen ebendieser Keller bedient sich die westliche Kriegsführung im Irak und in Afghanistan in erheblichem Maß. Allein deutsche Deutungsdebatten scheinen diese Zusammenhänge noch nicht erreicht zu haben – was kaum verwundert: Die deutschen Kolonialerfahrungen liegen fast 100 Jahre zurück und werden militärisch eher mit Massen- und Völkermord als mit Aufstandsbekämpfung assoziiert.

Unter den späten europäischen Kolonialkriegen zwischen 1948 und 1962 erweisen sich in den Augen heutiger Militärs vor allem die Erfahrungen aus den britischen Einsätzen in Malaya und Kenia sowie aus dem französischen Krieg in Algerien als wertvoll. Zu den Besonderheiten dieser Kriege gehört, dass sie gegen weitgehend unsichtbare Gegner, gegen kleine, hochmobile, als Sniper mit Sprengfallen und Überfällen operierende Einheiten geführt wurden, Einheiten, die sich nach Mao Tse-tungs berühmter Parole in der Zivilbevölkerung bewegten wie Fische im Wasser. Der Versuch, bewaffnete Kämpfer und Zivilbevölkerung zu trennen, bildete das strategische Zentrum der Konflikte. Im Fall Malayas gilt dieser Versuch heute als erfolgreich. Im Fall Algeriens erbrachten die mit großer Brutalität durchgeführten Umsiedlungsprogramme zwar militärische Erfolge, die jedoch den von zivilen Autoritäten durchgesetzten Rückzug nicht überdauerten.

Schon damals gingen Zwang und Angebot, Zerstörung und Aufbau miteinander einher – es handelte sich jeweils um Kriege, in denen von Zerstörung allein kein militärischer Sieg zu erhoffen war. In den spätkolonialen Kriegen waren Bombardements, Zwangsumsiedlungen, systematische Folter, die Durchkämmung ganzer Städte, Täler und Gebirge daher eng an militärisch und zivil koordinierte "Entwicklungshilfe" gekoppelt. Kolonialtruppen bauten Brunnen, Schulen, Straßen, inszenierten die ostentative Entschleierung von Frauen, lancierten die Alphabetisierung der Mädchen und verfolgten umfassende Industrialisierungs- und "Modernisierungs"-Pläne.

Der Versuch, zumindest Teile der Zivilbevölkerung zu "gewinnen", war also weniger humanitär als strategisch motiviert. Impossible de vaincre sans convaincre – es sei unmöglich, zu siegen, ohne zu überzeugen, lautete eine Propagandaformel französischer Truppen in Algerien. Und im Urwald von Malaya prägte der britische General Gerald Templer 1952 die Formel von der battle for the hearts and minds. Templer hatte damit die bis heute gültige Leitparole der counterinsurgency ausgegeben.